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Schlaflos im Reich der Träume

Selbstversuch: Redakteur Marcus Italiani checkt ins Schlaflabor ein

Solingen. (IT). Am 21. Juni ist Tag des Schlafs. Ein weiterer sinnloser Mottotag? Wohl eher nicht. Er soll nicht nur darauf aufmerksam machen, dass wir ein Drittel unserer Lebenszeit schlafend verbringen, sondern auch darauf, dass in unserer hektischen Gesellschaft vieles nicht rund läuft mit der Bettruhe. Etwa 15 Prozent der Deutschen leiden unter Schlafstörungen. Das ist kein Pappenstiel. Oftmals sind unterschätzte Krankheiten wie Schlafapnoe im Spiel, die am Ende nicht nur für hängende Augenlider am Tag, sondern auch für lebensbedrohliche Szenarien sorgen.

Obstruktive Schlafapnoe. Eine Bezeichnung wie ein Hammerschlag. Und ähnlich wie nach selbigem fühlen sich die Patienten, die unter dieser Erkrankung leiden, auch. Wenn man den ganzen Tag müde, abgeschlafft und von Kopfschmerzen geplagt ist; wenn für die kleinste Anstrengung der größte Aufwand erforderlich ist; wenn man zwischendurch immer mal wieder einnickt oder zumindest kurz davor ist, dann könnte es sein, dass man zum gefährdeten Personenkreis gehört.

 

Der Selbstversuch

 

Um zu erfahren, ob dies tatsächlich der Fall ist, begibt man sich heutzutage in der Regel zunächst zum Lungenarzt und dann in ein Schlaflabor. Klingt nach Science Fiction und Traumdeutung – aber ist es das auch? Um herauszufinden, was die Schlafforscher tatsächlich tun – und was man als Patient zu erwarten hat, starte ich den Selbstversuch und checke ins »Zentrum für Schlaf- und Beatmungsmedizin« des Krankenhauses Bethanien in Solingen ein.

Das Zentrum unter Chefarzt Prof. Dr. Winfried J. Randerath genießt einen ausgezeichneten Ruf. Auf Station 4a werde ich dementsprechend freundlich von Schwester Maria Simon begrüßt und über Grundlegendes aufgeklärt.

 

Keine futuristischen Glassärge

 

Es ist 20.30 Uhr und über den Flur des Schlafzentrums hat sich bereits eine schläfrige Stille gelegt. In einem Überwachungsraum flackern Monitore, auf denen Diagramme zu sehen sind. Eine Nachtschwester kommt aus der Teeküche und lächelt freundlich. Mein Zimmer lässt nicht viel zu wünschen übrig. Ein schlichtes Krankenhausbett, Schreibtisch, Bad. Keine futuristischen Glassärge mit Leuchtdioden. Einziges Alleinstellungsmerkmal eines Schlaflabor-Zimmers: das Monstrum neben dem Bett, das wie eine Mischung aus Kleiderständer und Roboter aussieht und aus dem jede Menge Kabel herausragen: ein Polysomnographiegerät. »Damit werden Sie heute Nacht überwacht, sagt Oberärztin Dr. Wiebke Dohrn.

 

»Schnarchen? Ist doch normal, oder?«

 

Die Schlafforscherin führt nun bei mir die Eingangs-Untersuchung durch: »Rauchen Sie? Sind Herz-, Lungen- oder Rückenleiden bekannt? Gab es zuvor bereits ein ambulantes Screening? Liegen Sie manchmal im Bett und haben das Gefühl, Sie können sich nicht mehr bewegen?« Ich verneine wahrheitsgemäß. Dass ich laut Aussagen meiner Frau oft schnarche, gebe ich lässig zu Protokoll. Ist doch normal – Vater hat früher nachts schließlich auch ganze Wälder abgesägt. Das gehört halt dazu, wenn man älter wird.

»Ein Irrtum«, klärt mich Dr. Dohrn auf. »Im Schnitt kommen die Patienten ab dem 40. Lebensjahr zu uns. Viele sind stark übergewichtig, leiden unter Krankheiten wie Insomnie (Schlaflosigkeit – Red.) oder Narkolepsie (Einschlafattacken - Red.). Manchmal gibt es aber auch Fälle von Schülern in der Pubertät, die aufgrund des Wechsels ihres Schlafprofils eigentlich später ins Bett und auch später wieder aufstehen müssten, was aber wegen schulischer Verpflichtungen nicht geht. Bei einigen Jugendlichen ufert diese Verschiebung in extreme Schlafstörungen aus.«

 

Nicht jeder geht gleich zum Arzt

 

Dennoch geht längst nicht jeder, der sich über längere Perioden müde und abgeschlafft fühlt, gleich zum Arzt, geschweige denn ins Schlaflabor. »Die Hürde ist ziemlich hoch. Zunächst mal ist das Verständnis für Schlafstörungen als Problem in unserer Gesellschaft noch ziemlich gering. Zudem macht das Wort ‚Labor‘ vielen Angst«, so Dr. Dohrn. Das ist gefährlich, denn die Störungen sind oft tatsächlich erst im Schlaf sichtbar, wenn Schlafapnoe, Hyperventilation oder konstant flache Atmung zu erkennen sind. Die hiermit verbundenen Risiken sind indes enorm: Unkonzentriertheit, verringertes Leistungsvermögen, Schlaganfall, Herzinfarkt oder Sekundenschlaf am Steuer sind häufige Folgen unbehandelter Schlafstörungen.

Teile der Arbeitgeber haben das erkannt. Betriebsärzte fragen Mitarbeiter mittlerweile häufiger zu ihrem Schlafverhalten. Dr. Dohrn: »Wir versuchen, den Menschen die Angst vor der Untersuchung und möglichen Behandlungen wie dem Schlafen mit einer Atemmaske zu nehmen. Es gibt ja jede Menge Vorurteile gegen diese Geräte, dabei sind sie heutzutage tatsächlich ziemlich leise und gar nicht so unangenehm.«

 

Beklemmendes Gefühl

 

Mit dieser Einführung starte ich in die Nacht. Ein 30-minütiger Aufmerksamkeitstest, bei dem man auf das Aufflackern kleiner Vierecke auf einer endlos vor sich hin laufenden Straße auf einem Monitor reagieren muss, gibt schon einmal einen ersten Vorgeschmack auf das, was den Patienten erwartet.

 

Schlaflos?

 

Doch erst mit dem anschließenden Verkabeln geht der Ernst des nächtlichen Lebens los. EKG, Kabel an Beinen, Hand, und eine Nasensonde steigern den Gemütlichkeitsfaktor nicht unbedingt. Dafür werden Atemgeräusche, Augenflackern Beinbewegungen und vieles mehr protokolliert. Da muss ich dann wohl durch. Gute Nacht. Leichter gesagt als getan. So unter Beobachtung rasen die Gedanken. Ab und an dämmere ich etwas weg, nur um dann wieder meinen Gedanken nachzuhängen. So geht das mehr oder weniger die ganze Nacht. Irgendwann zeigt der Wecker sechs Uhr morgens an. Verflixt – jetzt habe ich kein Auge zugetan und bekomme keine Ergebnisse.

 

»Wir haben etwas

gefunden«

 

Nachdem man mich abgekabelt hat, schlurfe ich in den Frühstücksraum, in dem die anderen Patienten sitzen und sich über ihre nächtlichen Erfahrungen unterhalten. »Zum ersten Mal richtig durchgeschlafen...«, »ich will hier gar nicht mehr weg...«. Bin ich vielleicht im falschen Film? Nach klärenden Fragen stellt sich heraus, dass diese Patienten bereits mit einer Atemmaske experimentieren. Na gut.

Wieder zurück im Zimmer erwartet mich Dr. Dohrn mit einer Akte unter dem Arm und den Worten: »Ich weiß gar nicht, ob Sie mich sehen wollen. Wir haben nämlich etwas gefunden.« Ich antworte sarkastisch.: »Was denn? Dass man im Schlaflabor auch völlig ohne Schlaf auskommt?« Sie schüttelt nachdenklich den Kopf und zeigt mir das Überwachungsprotokoll. Ich habe zu meinem Erstaunen fünfeinhalb Stunden geschlafen. Und nach einiger Zeit begannen die Atemaussetzer.

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