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»Geschichte kann man nicht kontrollieren«

Suzanne Vega im Gespräch

Solingen. (IT). Sie war einst die Königin der ruhigen Töne. Suzanne Vegas Hits setzen sich bei aller Abgespecktheit mit Macht im Ohr fest. Zumindest gilt das für ihre großen Erfolge »Luka« und »Tom‘s Diner«. Und da liegt auch das größte Problem. Obwohl sie nie wirklich von der Bildfläche verschwunden war, wird Suzanne Vega immer eine 80‘er-Ikone bleiben. Wir sprachen mit ihr über ihre aktuelle Tour, den zweifelhaften Titel »Mutter des mp3-Formats« und erfolgsbedingte Gesundheitsrisiken.

Suzanne, in ein paar Tagen brichst du nach Europa auf.

 

Ja, und ich freue mich schon. Nicht nur, weil wir wieder eine tolle Mischung aus alten Hits und neuen Songs des letzten Albums mitbringen, sondern weil es eine Premiere geben wird. Wusstest du, dass ich seit Jahren an einem Theaterstück arbeite, das auch vertont wird? Im Herbst wird das Ganze auch auf CD veröffentlicht und von diesem neuen Album werde ich ebenfalls ein paar Songs spielen.

 

Theater klingt schon mal spannend...

 

Ja – und es war ein Heidenaufwand. Ich arbeite an diesem Stück, seit meiner Zeit am College. Es heißt »Lover Beloveth – an evening with Carson McCullers« und die CD wird zehn Songs enthalten. McCullers war eine Autorin, die aus den amerikanischen Südstaaten stammte und seit den 30‘er Jahren des 20. Jahrhunderts über Dinge geschrieben hat, die in der damaligen Gesellschaft generell falsch liefen. Eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war, die sich einer Gruppe von Künstlern anschloss, sich für Bürgerrechte einsetzte und bisexuell war. In dem Stück geht es um ihr Leben und ihre Gefühle. Es ist eine ganz andere Art, zu arbeiten, wenn man Songs schreibt und performt, in denen man die Welt aus den Augen eines anderen Menschen betrachtet. Man muss sehr diszipliniert vorgehen und sich auf diesen Charakter total einlassen. Das macht aber auch einen Riesen-Spaß. Im Herbst kommt das Stück auf die Bühne. Nächstes Jahr hoffe ich, es auch nach Europa bringen zu können. Die Musik ist völlig anders als das, was man von mir gewohnt ist. Einige Stücke sind jazzig, wir setzen Banjos und Ukulelen ein – eine ganz neue Welt, die man aber erschaffen muss, um diese Geschichte zu erzählen.

 

Also ein erneuter musikalischer Wandel.

 

Ja, aber das ist eher ein Projekt. Mein nächstes »normales« Album erscheint in etwa zwei Jahren. Es wird keine so großen Pausen geben wie zwischen den letzten Alben.

 

Du hast als Künstlerin ohnehin immer schon gerne Geschichten erzählt. Wie viel von der wahren Suzanne Vega finden wir in deinen Songs?

 

Das kommt darauf an. Für gewöhnlich ist es eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion. Es ist nicht immer so, dass man etwas aufschnappt und dann eins zu eins wiedergibt. Um den Zuhörer zu berühren, musst du ihn an einen bestimmten Ort mitnehmen, von wo aus er die Geschichte durchdringen kann. Das ist es, was ich tue, auch wenn hier und da in meinen Songs mal einige autobiographische Details auftauchen können.

 

Du hast mal gesagt, man dürfe das Musikerdasein nicht aufgrund des Hypes lieben, der sich durch den Erfolg einstellt, sondern nur aufgrund der Gewissheit, dass man immer weiterarbeiten darf.

 

Ja, denn sobald man Kunst nur kreiert, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verliert sie ihren Wert. Du musst diese Arbeit lieben, denn gerade heute ist es für Musiker sehr viel härter geworden, zu überleben. Als Musiker fühlst du tief in dir, dass da etwas gesagt oder kreiert werden muss – und deshalb lässt du es raus.

 

Das hört sich so an, als seien die Künstler heute ehrlicher als früher, da man im digitalen Zeitalter nicht mehr so viel Geld mit der Musik verdienen kann.

 

Das würde ich nicht sagen. Ich denke, es gibt in jeder Generation Leute, die es ernst meinen, und solche, die nur berühmt werden wollen. Einen großen Unterschied zu früher sehe ich da eigentlich nicht, aber ich gestehe, dass ich darüber noch mal nachdenken sollte (lacht).

 

Leider sind viele große Musiker wie Prince oder David Bowie kürzlich verstorben. Was bedeutet es für dich, in einer Welt ohne diese Ikonen als Künstlerin zu existieren?

 

Ganz ehrlich: Ich war schockiert, als Prince gestorben ist. Wir waren im selben Alter. Und mir kam es so vor, als sei er immer jung geblieben. Es ist schrecklich zu wissen, dass ein solches musikalisches Genie nie wieder eine Note komponieren wird. Es gibt einfach niemanden, der so ist wie er. Bei Bowie konnte ich es auch nicht fassen. Niemand ahnte, dass er krank war, weil er bis zum Ende so gut aussah und an neuer Musik arbeitete. Es ist tragisch. Was ich dazu sagen kann, ist Folgendes: Man sollte großartige Musiker nicht erst nach ihrem Tod verehren, sondern ihnen zu Lebzeiten zeigen, dass man ihre Arbeit würdigt.

 

Nachdem Prince gestorben war, schrieb ein deutscher Kolumnist, dass er aufgrund der Tatsache, dass er erst Ende 20 sei, die kollektive Trauer um die Stars der 80‘er nicht teilen oder nachempfinden könne. Denn seiner Generation fehle grundsätzlich der Zugang zu den ganz großen Pop- und Rock-Giganten, den Ikonen. Ist das vielleicht eine Erklärung dafür, dass es im Musik-Business stetig bergab geht?

 

Glaube ich nicht. Es wird immer Menschen geben, die sich mit Musik identifizieren, beschäftigen und darin aufgehen. Und diese Leute finden eben ihre Helden in den Musikern, die das erschaffen, was ihnen so viel bedeutet. Anderen wiederum ist total egal, was gerade läuft – sie finden keinen emotionalen Zugang zu Musik. Als ich acht oder neun Jahre alt war, liebte ich die Beatles. Mit elf entdeckte ich Bob Dylan und mit 14 stand ich total auf Leonard Cohen. Diese Musiker bedeuteten mir alles. Ich habe unheimlich viel Zeit alleine in meinem Zimmer mit meinen Platten verbracht und die Musiker waren meine sprichwörtliche Verbindung zur Außenwelt. Für meine Schwester wiederum war Musik reine Unterhaltung. Wir hatten einen völlig unterschiedlichen Ansatz. Also: Wenn dieser junge Mann, von dem du gesprochen hast, diesen Zugang zu den Künstlern und ihrer Kunst bislang nicht besessen hat, dann wird er ihn voraussichtlich nie besitzen. Natürlich hat sich die Musikindustrie verändert und es ist schwieriger geworden, als Künstler zu überleben. Aber ich glaube immer noch daran, dass man sich seinen Status verdienen kann. Und deshalb rechne ich fest damit, dass es auch in Zukunft noch Ikonen geben wird.

 

Du hast dir diesen Status schon vor 30 Jahren erarbeitet. Ist es eigentlich Fluch oder Segen, immer mit »Tom‘s Diner« und »Luka« in Verbindung gebracht zu werden und als typischer 80‘er-Star zu gelten?

 

Für mich ist es ganz klar ein Segen. Ich habe diese Jahre geliebt. Natürlich war die Zeit auch schwierig, weil man immer unter dem Druck stand, noch erfolgreicher zu werden. Aber ich habe den Erfolg auch genossen.

 

Du hast aber auch mal gesagt, Erfolg sei wie eine Entzündung, die irgendwann abheilt. Bedeutet das, man lebt ohne Erfolg gesünder?

 

Haha, ja – vielleicht irgendwie. Zumindest ist das Leben dann etwas normaler. Man wird nicht immer und überall angestarrt.

 

Berühmtheit hat in deinem Fall teils merkwürdige Auswüchse. Obwohl deine Songs von sehr reduzierten Arrangements und einer emotionalen Gesangsdarbietung leben, war gerade die A-cappella-Nummer „Tom‘s Diner" der erste Song, der in das mp3-Format umgewandelt wurde. Daher giltst du gemeinhin als »Mutter des mp3-Formats«. Ein schöner Titel?

 

Was soll ich sagen? Einerseits ist es natürlich schön, ein Teil der Geschichte zu sein. Ich habe Karlheinz Brandenburg, den mp3-Erfinder, kennen gelernt und das war toll. Er ist ein ganz liebenswürdiger und lustiger Typ. Andererseits kann ich natürlich nicht glücklich darüber sein, dass mp3-Dateien die Musikindustrie ruiniert haben. Andererseits ist es ein Teil der Geschichte und Geschichte kann man nicht kontrollieren.

Interview: Marcus Italiani

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