Sex sells? Gesellschaftlicher Wandel „horizontal“ betrachtet

Freizügigkeit steht heute längst nicht mehr zur Debatte. Selbstverständlich geworden ist es, sexuelle Vorlieben auszuleben, unterschiedliche Beziehungsmodelle kennenzulernen und Monogamie in Frage zu stellen. Das aber war nicht immer so. Eine Reise in die Vergangenheit zeigt, wie sich die erotische Gesellschaft in Deutschland gewandelt hat – und was das für diejenigen bedeutet, die ihr Geld damit verdienen.

Früher: Sex als Exklusivrecht

Freizügigkeit steht heute längst nicht mehr zur Debatte. Selbstverständlich geworden ist es, sexuelle Vorlieben auszuleben, unterschiedliche Beziehungsmodelle kennenzulernen und Monogamie in Frage zu stellen. Das aber war nicht immer so. Eine Reise in die Lange dominierte die Kirche das sexuelle Leben der Menschen in Deutschland. Noch vor einigen Jahren galt es als unmöglich und verwerflich, wenn ein Paar vor der Ehe Sex miteinander hatte. Wechselnde Partner? Keine Option. Die traditionelle Sexualmoral in der damaligen Zeit war bestimmt vom Gedanken, körperliche Liebe sei ein alleiniger Fortpflanzungsakt – bestimmt, um eine Familie zu gründen und dieser selbstverständlich ein Leben lang treu zu bleiben.

Nur die Ehe galt damals als richtiger Ort für Sexualität. (Quelle: jeremywongweddings (CC0-Lizenz)/ pixabay.com)

Auch gesetzlich wurde das in aller Strenge durchgesetzt. Ein Abtreibungsverbot, der Kuppelei-Paragraph und weitere Einschränkungen machten das Ausleben sexueller Bedürfnisse außerhalb geschlossener Ehen nahezu unmöglich. Und wer es doch wagte, riskierte nicht nur sein gesellschaftliches Ansehen, sondern auch drakonische Strafen. Kein Vergleich zu heute, wo nach der Eheschließung zwar immer noch ein großer Verwaltungsakt auf Paare wartet, die Gesetze im Hinblick auf Ehebruch oder voreheliche Erfahrungen deutlich freiheitsliebender ausfallen.

Doch schon damals gab es Differenzen zwischen dem, was Gesetz und Kirche vorsahen und dem realen Leben. Einige Menschen ließen sich hinter vorgehaltener Hand auf Abenteuer ein und mussten sich mit großer Mühe davor schützen, doch noch entdeckt zu werden. Und auch wenn sie als verwerflich galt, existierte die Prostitution in Deutschland bereits während der Fünfzigerjahre und sogar davor. Das Leben der Frauen, die ihre Körper gegen Geld anboten, unterschied sich jedoch deutlich vom heutigen. Der berühmte Fall rund um Rosemarie Nitribitt, die sich als Edelprostituierte einen hohen Lebensstandard leisten konnte und später in Frankfurt ermordet wurde, belegt das. Vermutungen, dass es insbesondere die Aura des Verbotenen war, die den Gang in Freudenhäuser zu einer kostspieligen und zeitgleich spannenden Angelegenheit machten, dürften in jedem Fall über einen wahren Kern verfügen.

 

Der Wandel seit den Siebzigerjahren

Mit der berühmten Kommune 1, die bereits in den Sechzigern gegründet wurde, sollte sich der gesellschaftliche Blick auf das Sexualleben in Deutschland wandeln. Vor allem in der zweiten Phase ab 1968 provozierten die Mitglieder der Kommune öffentlich im Hinblick auf Sex. Die Namen Uschi Obermaier und Rainer Langhans sind bis heute bekannt. Und auch wenn die Kommune 1 im Jahre 1969 zerbrach, hinterließ sie eine Möglichkeit zur öffentlichen Debatte über sexuelle Freiheit und das Ausleben von Bedürfnissen abseits des Gesetzes.

Dass zur gleichen Zeit in Deutschland noch immer der Kuppelei Paragraph existierte, unterstreicht die damalige Zerrissenheit der Gesellschaft. Kuppelei, also das Ermöglichen und Unterstützen sexueller Aktivität außerhalb der Ehe stand unter Strafe und konnte mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden. Insbesondere Gastwirte, die ein Zimmer an unverheiratete Paare vermieteten, gingen damals ein hohes Risiko ein und setzen ihr unbescholtenes Image aufs Spiel. Erst 1973 verlor der Paragraph seine Wirksamkeit.

 

Wer die Siebziger erlebt hat, kann viel über den gesellschaftlichen Wandel berichten. (Quelle: MabelAmber (CC0-Lizenz)/ pixabay.com)

Schritt für Schritt folgte eine Phase der zunehmenden sexuellen Liberalisierung in Deutschland. Das Machtgefälle zwischen Mann und Frau galt als längst überholt und auch die weibliche Bevölkerung traute sich, ihre Bedürfnisse zu äußern und auf deren Umsetzung zu bestehen.

Die voranschreitende erotische Freiheit ließ auch die Prostitutions-Branche nicht unberührt. Nicht nur deutsche Frauen, sondern auch solche aus anderen Ländern und vornehmlich aus Osteuropa nutzten die damalige Zeit, um sich im horizontalen Gewerbe ihr Auskommen zu sichern. 1987 dann wurde in Berlin der fünfte Prostituiertenkongress abgehalten, bei dem die Teilnehmerinnen klare Forderungen stellten. So sollten Prostituierte künftig nicht nur als gleichberechtigt betrachtet werden, sondern es sollte auch eine Anerkennung ihrer Tätigkeit als Beruf erfolgen. Die Prostitution also war längst in der Mitte der Gesellschaft angelangt und erfreute sich großer Beliebtheit. Offiziell nicht mehr sittenwidrig ist Prostitution in Deutschland jedoch erst seit 2002.

Konnten Prostituierte damals noch ihren Lebensunterhalt mit ihrer Tätigkeit bestreiten, sollte sich das in den kommenden Jahren jedoch deutlich ändern. Osteuropäische Frauen, die noch vor Jahren viel Geld mit erotischen Dienstleistungen verdienten, mussten mit einem immer dominanteren Konkurrenzdruck zurechtkommen. Das Angebot hatte sich in den kommenden Jahren so extrem vergrößert, dass es mehr brauchte als bloße Anwesenheit in Freudenhäusern. Zeitjung.de berichtet über den Preisverfall in der Branche und darüber, dass der Verdienst Prostituierter heute auf einem deutlich niedrigeren Niveau liegt als noch vor einigen Jahren. Von durchschnittlich 15 Euro Verdienst pro Kunde – jedoch nicht pro Stunde – ist hier die Rede.

Heute: Ein gesellschaftlicher Erotik-Boom

Seit der Jahrtausendwende tut sich viel im erotischen Deutschland. Und wenngleich Prostituierte seit 2017 durch das Prostitutionsschutzgesetz zusätzliche Sicherheit genießen sollen, verlieren viele Frauen den Glauben an das Geschäft. Viele von ihnen suchen nach sinnvollen und vor allem lukrativen Optionen, die vor allen Dingen das Internet zu bieten hat.

 

Sextreffen sind heute längst nicht mehr verwerflich. (Quelle: StockSnap (CC0-Lizenz)/ pixabay.com)

Das Drehen von Amateurvideos beispielsweise hat sich zu einem Markt entwickelt, mit dem auch einstige Prostituierte aus Osteuropa viel Geld verdienen können. Statt der Anzahl möglicher Kunden stehen bei ihnen Klickraten im Fokus. Um immer wieder neues Material bieten zu können, suchen sich diese Frauen Partner für Sextreffen, die sich dann per Kamera aufnehmen lassen. Der Sinn dahinter: Männer sollen ohne verpflichtendes Abo ihre Sexpartnerin finden und ihre sexuellen Bedürfnisse ohne Zusatzkosten ausleben können. Das Videomaterial dient dann dazu, den Lebensunterhalt der Sexpartnerin zu bestreiten.

Und auch abgesehen hiervon ist die sexuelle Gesellschaft in Deutschland sehr viel entspannter und toleranter geworden. Alternative Lebensentwürfe, die Monogamie nicht als Zwang verstehen, kommen zunehmend in Mode. Ob unverbindliche Sextreffen mit Gleichgesinnten, offene Beziehungen oder auch Fetisch-Entwürfe wie Cuckolding: Wer sich sexuell ausleben will, steht nicht mehr am Rande der Gesellschaft, sondern mittendrin.