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»Es gibt keine sicheren Herkunftsländer für Roma«

Die Prizreni-Brüder stellten in Burscheid ihr »Hip-Hop-Hurray« Programm vor

Rheinisch Bergischer Kreis. (IT). Mittwochnachmittag, kurz nach 15 Uhr in der Freien evangelischen Gemeinde Burscheid. Der Treff am »Offenen Mittwoch« lädt Flüchtlinge und Einheimische ein, sich bei ein paar Snacks kennenzulernen und auszutauschen. Es wird gespielt, Musik gemacht und erzählt. Bereits zum vierten Mal wird die gut besuchte Veranstaltung durchgeführt. Mit wachsendem Erfolg.

Der pensionierte Lehrer Manfred Durdel bietet dort neuerdings auch Sprachunterricht an. »Die Flüchtlinge, die hierherkommen, sind sehr lern- und wissbegierig. Natürlich ist der Unterricht nicht ganz so einfach. Ich arbeite viel mit Bildern und einfachen Phrasen, aber es wird«, sagt der Pädagoge.

Eine ganz andere Form von Bildung bietet an diesem Mittwoch der Auftritt der drei Rapper Selami, Kefaet und Hikmet Prizreni, Alle drei sind Roma. Ihre Eltern fliehen Ende der 80’er-Jahre aus dem Kosovo nach Deutschland. Hikmet ist damals sieben, Kefaet vier Jahre alt. Selami erblickt in der neuen Heimat das Licht der Welt. In Essen lässt sich die Familie nieder, die Jungs gingen zur Schule, engagieren sich in sozialen Projekten, strebten Laufbahnen als Veranstaltungstechniker, Musiker und Tänzer an. Mit einigem Erfolg, wie diverse Auszeichnungen beweisen. Doch die Träume der jungen Männer enden, als Bundespolizisten 2010 die Wohnung der Prizrenis stürmen und Kefaet und seinen Bruder Selami verhaften. Denn die Brüder haben in Deutschland lediglich den Status der Duldung besessen. Obwohl niemand mehr damit gerechnet hat, zeigt diese bislang nur als schemenhafte Bedrohung wahrgenommene Tatsache nun ihr grausames Gesicht. Noch während sich die beiden fragen, was eigentlich los ist, sitzen sie nach einer hastigen Gerichtsverhandlung auch schon im Flieger in Richtung Kosovo. Dort drückt man den jungen Männern, die kein Wort der dortigen Landessprache sprechen und niemanden kennen, 50 Euro in die Hand und überlässt sie ihrem Schicksal. »Das war ein echter Kulturschock. Im Kosovo herrscht eine Roma-Arbeitslosigkeit von 100 Prozent. Egal, welche Abschlüsse man vorzeigt, alles wird abgeschmettert. Als Roma in den Balkanstaaten ist man froh, wenn man seit 20 Jahren einen Nachbarn kennt, der einem Arbeiten wie Holzhacken oder Putzen vermittelt. Bildung für Roma in den Balkanstaaten? Das ist wohl ein Witz. Wenn ich dort nach einer Ausbildung frage, wird direkt die Tür zugeschlagen und es heißt: ‚Raus hier, das ist doch nicht dein Ernst‘«, beschreibt Kefaet die Zustände in seinem »Heimatland«.

Die beiden schlagen sich – auch mit Unterstützung aus Deutschland – irgendwie durch. Im vergangenen Jahr wurde die deutsche Öffentlichkeit sogar mittels des Kinofilms »Trapped By Law« mit ihrem Schicksal vertraut gemacht. 2015 gelingt den Prizrenis erneut die Flucht nach Deutschland. Doch der Asylantrag wird umgehend abgelehnt. Wieder droht die Abschiebung. Doch anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, engagieren sich die Brüder aktiv in der Flüchtlingsbetreuung. Mit ihrem Projekt »Hip-Hop-Hurray« wollen sie anderen Menschen mit ähnlichen Schicksalen Hoffnung machen und sie mit mehrsprachigen Vorträgen und Workshops dazu motivieren, sinnvoll mit der heiklen Situation umzugehen.

In Burscheid findet die Vorstellung des Programms großen Anklang. Kefaet ist anschließend ziemlich angetan von der Resonanz: »Einige Besucher wollten wissen, wie sich unsere Situation aktuell darstellt. Viele Flüchtlinge interessierte natürlich darüber hinaus, wie unser Weg ausgesehen hat und wie wir uns durchgeschlagen haben. Aber es gab auch konkrete Hilfsanfragen, die sich um künstlerische Dinge drehten. Zum Beispiel ist da dieser Künstler, der in Marokko schon in einem Zirkus aufgetreten ist und einfach Möglichkeiten sucht, um gefördert zu werden und nicht einzurosten. Wir haben ein wenig Aufklärungsarbeit betrieben und unser Programm vorgestellt, was gut angekommen ist. Wichtig für uns war, dass wir über echte Inklusion gesprochen haben. Das gesamte Hip Hop Hurray-Programm fußt auf der Überzeugung, dass wirklich jeder daran teilnehmen kann. Alle Menschen, ob Deutsche, Flüchtlinge und natürlich auch alle Menschen mit Behinderungen können über das Medium Hip Hop eine ganze Menge lernen, um sich selbst zu verwirklichen. Es kommt auf das Künstlerische und Individuelle an. Damit öffnet man sich und befreit sich ein Stück weit - das ist das Tolle daran. In Burscheid wurde das wohl verstanden. So sollen wir zum Beispiel beim diesjährigen Integrationsfest auftreten - und auch unser Film soll gezeigt werden.« Anfragen seitens Megafon und der Freier Evangelischer Gemeinde scheinen diese Vermutung zu bestätigen. Die Arbeit mit anderen Flüchtlingen ist für Flüchtling Kefaet eine Art Katalysator und gleichzeitig ein Signal an die Behörden: »Ich bin jetzt 32 und habe zwei Kinder in Essen, die ich nur am Wochenende sehe. Ich plane immer nur so weit ich kann, versuche aber auch realistisch zu sein und mich nicht so sehr an Dingen festzuhalten. Auf Dauer fühlt sich dieser Zustand an wie eine Lähmung.« Sobald man den Begriff »sichere Herkunftsländer« benutzt, der aktuell immer dann aufkommt, wenn von schnelleren Abschiebungen die Rede ist, verfinstert sich Kefaets Miene. »Um es ganz klar zu sagen: Es gibt keine sicheren Herkunftsländer für Roma. Wir werden überall diskriminiert. Das ist Fakt.« Ein Gutachten des European Roma and travellers Forum, verfasst von Prof. Dr. Norman Pech, em. Professor für internationales Recht, bestätigt diese Auffassung: »Die Roma sind zweifellos solche Menschen, die einen Schutzstatus erhalten sollten, da ihre Staaten nicht sicher für sie sind. Diesem wird das vorliegende Gesetz (über die Einstufung der Länder, die aus dem ehemaligen Jugoslawien entstanden sind, als sichere Herkunftsländer - Red.) in keiner Hinsicht gerecht. Es verletzt europäisches Recht und deutsches Verfassungsrecht. Alles in allem hat der Gesetzgebungsprozess so schwere Mängel, dass das Gesetz selbst für verfassungswidrig erklärt werden muss.« dass die Herkunftsländer nicht sicher sind.«

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