David Posor

Der spektakuläre Langenfelder Postkarren-Raub

Überfall auf Wirtshaus: »Der Fetzer« & Co ziehen mit jeder Menge Moneten von dannen

Krimi-Serie. (DP). Fest zur Identität Langenfelds gehört dessen Geschichte als Poststadt. Aufgrund der Lage zwischen den Großstädten Köln und Düsseldorf diente es seit dem 18. Jahrhundert als idealer Standort für eine Poststation. 1774 wurde die erste in Berghausen eingerichtet. Man kann sich denken, dass die teilweise höchst wertvollen Frachten, die Langenfeld durchliefen, auch das Interesse von Kriminellen auf sich zogen. So auch in der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1799.

Es ist gegen Mitternacht im Probsthaus, einer Gaststube, die sich in der ehemaligen Posthalterei in Alt-Langenfeld befindet. Heute nächtigen hier Fuhrleute, die auf ihrem Postwagen eine besondere Ladung verstaut haben: Geld, das in schweren Paketen auf die Weiterfahrt am nächsten Morgen wartet. Doch dazu soll es nicht kommen.

Unweit des alten Posthauses macht sich gerade eine Bande bereit, die es auf die Moneten abgesehen hat. Angeführt wird sie von Johann Müller und seinen Komplizen Schieman Engländer und Mathias Weber. Letzterer ist ein berüchtigter Räuber, den man als »Fetzer« kennt. Einen Spion hatten sie herausfinden lassen, wo genau der Geldtransport haltmachen würde. Und nun konnte der Überfall stattfinden, der einige Tage zuvor gescheitert war, weil »sich die meisten Mitglieder unterwegs aus Angst heimlich davongeschlichen« haben. So zu lesen in einem Bericht in der 1804 veröffentlichten »Actenmäßigen Geschichte der Räuberbanden an den beyden Ufern des Rheins – Zweiter Theil«.

Lauter Einbruch mit Baumstamm

Mit Pistolen bewaffnet, verteilen sich die Verbrecher vor dem Gebäude. Jedem ist eine Aufgabe zugeteilt worden – vom Wachestehen bis hin zum Knebeln der Personen im Haus. Denn diese müssen zunächst unschädlich gemacht werden, da der Postwagen vor einem Fenster steht und angeleuchtet wird. Zu groß wäre für die Räuber das Risiko, beim bloßen Plündern erwischt zu werden.

Also stürmen die Übeltäter die friedliche Gaststube, indem sie die Eingangstür mit einem Baumstamm auframmen und zwei Fenster einschlagen. Sowohl durch den Knall als auch durch Schüsse wird der Fuhrmann des Wagens wach und erblickt die Eindringlinge, die das Licht im Haus löschen. »Drey der Fremden sprangen auf mich zu und knebelten mich, daß ich mich nicht bewegen konnte«, gibt der Mann laut Bericht später an. Auch seinem Kollegen und dem Wirt ergeht es so. Letzterer wird sogar geschlagen und um seine Uhr erleichtert. Und auch das Obergeschoss, wo unter anderem Frau und Kinder des Wirtes schlafen, sucht die Bande auf. Doch ihnen soll nichts geschehen, denn die Räuber sind lediglich an dem Geld interessiert – das sagen sie den verängstigten Leuten auch, um sie zu beruhigen.

Milchkannen als Beute-Verstecke

Nachdem die potenziellen Störer ausgeschaltet sind, steigt Räuberchef Müller auf den Postwagen und wirft die Geldpakete herunter. Jeder verfügbare Mann muss daraufhin so viel aufnehmen und davontragen wie er nur kann – insgesamt sind das 50.000 Livres, umgerechnet rund eine Million Euro. In einem kleinen Wäldchen dann wird die Beute aufgeteilt. »Bis zum Umfallen beladen« zog die Bande laut Bericht dann nach Hitdorf, wo eine abenteuerliche Rhein-Überfahrt in einem Boot folgt, das aufgrund des Münzgeld-Gewichts beinahe kentert. 

Am anderen Ufer, ein ganzes Stück weiter flussabwärts, geht die Flucht der Räuber spektakulär weiter. »Sie haben in Dormagen einen Milchmann überfallen und ihm seinen Karren abgenommen«, sagt der Langenfelder Geschichtenerzähler Manfred Stuckmann. »Die Milch haben sie dann ausgeschüttet und das Geld in den Kannen versteckt.« So seien die Gesetzesbrecher durch die Eigelsteinpforte nach Köln gelangt – wo sie sich vorerst in Sicherheit wähnen konnten. Vorerst.

Festnahme in Kölner Rotlichtmilieu

Kurze Zeit nach dem Raub sorgt die Tat bis in die Domstadt hinein für Aufsehen. Ein Polizeikommissar Schöning erhofft sich daraufhin Ermittlungserfolge von einer Durchsuchung der »Häuser der schnöden Lust«. Und er wird belohnt: Als er die Wohnung einer Puffmutter, der sogenannten »Tüwels-Drück«, stürmt, findet er hier Johann Müller und seinen Gesellen Schieman Engländer.

Ob das gesamte gestohlene Geld zurückgeholt werden konnte, ist nicht überliefert. Immerhin landeten die Anführer vor Gericht. Und zumindest Mathias Weber wurde im Februar 1803 aufgrund des Postkarren-Raubs und anderer Straftaten auf dem Alter Markt in Köln hingerichtet.

 

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