Ulrich Hoeck

Galkhausen zur NS-Zeit: Die missbrauchte Anstalt

Langenfeld. Die Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen wurde gegründet mit dem Anspruch, die Psychiatrie menschenwürdiger zu gestalten. In der NS-Zeit wurde sie Bestandteil des Euthanasie-Projekts. Darüber informierten jetzt Bergischer Geschichtsvereins und LVR-Klinik.

Von Ulrich Hoeck


Pflegedienstleiterin Heike Lützenkirchen weiß um den Reformcharakter, den »ihre« Klinik einmal hatte. „Es war eine sehr moderne Klinik, die sich deutlich von allen anderen Psychiatrien weltweit unterschieden hat“, sagt sie. An der ehemaligen Köln-Düsseldorfer Chaussee entstanden bis 1904 Häuser mit 800 Betten für Patienten.

Schon zehn Jahre später, mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wurden die nicht dringend behandlungsbedürftigen Personen entlassen, um Platz zu schaffen für verwundete Soldaten. Die Patienten werden auf dem Dachboden untergebracht, während in ihren Zimmern Verwundete genesen. Unter der allgemeinen Verschlechterung der Lebensumstände litten auch die Patienten. »Unsere Kranken haben teilweise ihren Hunger durch den Inhalt der Resteeimer gestillt«, zitiert Lützenkirchen eine zeitgenössische Quelle.

Nach dem Krieg übernehmen britische Truppen das Gelände, auf dem sie ein »General Hospital« für 250 Soldaten errichten.

Nicht mehr das Wohl der Patienten, sondern die NS-Ideologie bestimmte das Handeln

Pfarrer Winfried Schwarzer ist Experte für die Geschichte der LVR-Klinik in der NS-Zeit. »Nicht mehr das Wohl der Patienten diktierte das Maß des pflegerischen Handelns, sondern NS-Konzepte wie das der Volksgemeinschaft, der Rassenhygiene oder des Reinen Blutes.« Er zitiert aus einem berührenden Brief einer Mutter, die ihre Tochter, eine Klinik-Insassin, besuchen wollte und sie nicht vorfand. »Heute wissen wir, dass die Tochter einen Tag vor dem Besuch der Mutter in die Anstalt Hadamar gebracht und noch am gleichen Tag vergast wurde.«

Der Kriegsbeginn sei auch der Beginn des Krieges gegen die psychisch Kranken gewesen. Anfang 1941 wurde Galkhausen wegen seiner verkehrsgünstigen Lage an der Reichsautobahn zum Zwischenlager nach Hadamar. Zunächst wurden 370 Patienten nach Hadamar gebracht werden, um Platz zu schaffen für Patienten aus anderen Anstalten - bis diese auch nach Hadamar gebracht würden. Bei den späteren Transporten diente Galkhausen als Zwischenstation, um den Weg der Menschen nach Hadamar zu verschleiern.

Insgesamt wurden seinerzeit mehr als 900 Menschen aus Galkhausen nach Hadamar transportiert und dort getötet. Weitere 1.450 Menschen wurden von Galkhausen aus in ähnliche Anstalten im Osten gebracht und dort getötet.

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