AK

Familien nicht alleine lassen

Zehn Jahre Trauerbegleitung beim Kinderschutzbund

Hilden. (AK). Es ist eines der schwersten Schicksale, das einer Familie widerfahren kann: Kleine Kinder erleben, wie ein Eltern- oder Geschwisterteil stirbt, oder Eltern verlieren ein Kind. Eine besondere Zuwendung brauchen die Betroffenen in dieser Lebenskrise. Christa Cholewinski vom Hildener Kinderschutzbung ist seit Mai 2005 zertifizierte Trauerbegleiterin und psychologische Beraterin. Nach zehn Jahren Tätigkeit berichtet sie von ihren Erlebnissen und Erfahrungen.

Anni (12) musste eine schlimme Nachricht verarbeiten: Bei ihrer Schwester Paula (10, Namen geändert) wurde ein Hirntumor diagnostiziert. Sie kam auf einer Palliativstation unter. Wie sollte das kleine Mädchen mit dieser Situation umgehen? Dies ist einer von rund 130 Fällen, in denen die Hildener Trauerbegleiterin Christa Cholewinski einer Familie beistehen konnte. Hier traf sie auf ein verängstigtes Kind, das den Anblick ihrer sterbenden Schwester ertragen musste, das sich in ihrem Zimmer verschanzte und das mit eigenen Ängsten, der akuten Trauer und den Reaktionen ihrer Mitschüler konfrontiert war. 19 Monate lang begleitete Christa Cholewinski die Eltern mit ihren Kindern, in dieser Zeit ist Paula auch beigesetzt worden. Ihre Aufgabe war es, der trauernden Schwester Hilfestellungen beim Erkunden ihrer Kraftquellen zu leisten. Wahrlich keine leichte Aufgabe, die manchmal an der eigenen Stabilität nagt. Aber Christa Cholewinski, auch Geschäftsführerin beim Hildener Kinderschutzbund, übt diese Tätigkeit bereits seit zehn Jahren mit Leidenschaft aus.

Ausschlaggebend für ihr Engagement war ein persönliches Erlebnis: »Vor etwa 20 Jahren ist mein Sohn an Leukämie erkrankt. Er wurde wieder geheilt, aber ich habe viel Leid bei anderen betroffenen Familien erfahren. Sie standen ganz alleine da.« Also stieg sie bereits 2001 in die ehrenamtliche Trauerarbeit für Kinder und Jugendliche ein und absolvierte eine Weiterbildung zur zertifizierten Trauerbegleiterin.

Krebs- und Herzerkrankungen, Unfälle, Drogen-Tode und auch Suizide von Eltern, Großeltern, Geschwistern und Freunden – solche Tragödien haben die Heranwachsenden erleidet. Christa Cholewinski bekommt ihre Klienten von Jugendämtern, Beratungsstellen, der Uniklinik Düsseldorf, Kinderärzten und persönlichen Empfehlungen vermittelt. »Ich führe erst Einzelgespräche mit dem Elternteil. Dabei werden Fakten geklärt und das Kind beschrieben«, erklärt Christa Cholewinski zu ihrer Vorgehensweise. Es folgt der erste Kontakt zum Kind, beziehungsweise Jugendlichen. Sie versucht, in die Gefühlswelt einzutauchen: durch Gespräche, durch kreatives Arbeiten mit Ton oder Farbe oder durch »Monster-Karten«, die sich an die Launen und Stimmungen heran tasten. Als Rückzugsort dient der »Snoezel-Raum« beim Kinderschutzbund am Standort Schulstraße. Hier können die Kinder bei lauschiger Beleuchtung mit Teddys kuscheln und die Welt um sie herum für kurze Zeit vergessen.

»Einmal haben wir für einen Dreijährigen und seine fünfjährige Schwester eine kindgerechte Bestattung gemacht«, so ein Beispiel. »Sie haben ihren verstorbenen Papa gestreichelt. Und später durften sie seinen Sarg bemalen. Das hat ihnen gut getan und Mut gemacht.«

Ein bis zwei Jahre kann eine Trauerbegleitung dauern. Oft gelingt es in dieser Zeit, den Lebensmut wieder zu erlangen – manchmal aber eben auch nicht. »Kinder ab sechs Jahre können schon sehr gut ihre Gefühle ausdrücken«, hat Christa Cholewinski festgestellt. »Aber natürlich gibt es auch Kinder, die nicht wollen. Die müssen auch nicht mehr zu mir kommen.« Besonders hart wird es, wenn die Trauer in Depression umschlägt. Wenn etwa ein Kind nicht mehr isst, aggressiver wird, sich in ein Schneckenhaus verkriecht oder gar an Selbstmord denkt – dann ist die Trauerbegleitung an ihre Grenze gelangt. »In solchen Fällen ist eine zusätzliche, professionelle Therapie notwendig«, sagt Christa Cholewinski.

Ein Erfolgserlebnis ist dagegen, wenn ein Kind tatsächlich wieder eine Perspektive entwickelt und den Spaß am Leben wiederentdeckt.

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