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1914 – 1918: Ein rheinisches Tagebuch

Stadtarchiv: Täglicher Quellenblog zum Ersten Weltkrieg

Hilden. (AK/arz). 2014 jährte sich der Beginn des Ersten Weltkrieg zum 100. Mal. Der Landschaftsverband Rheinland und 14 rheinische Archive – darunter Hilden – haben einen Blog konzipiert, in dem Tagebücher, Briefe, (Feld-)Postkarten und Fotos auf den Tag genau 100 Jahre nach ihrem Entstehen online gestellt werden – und das bis zum Jahr 2018.

Am Anfang war die Euphorie. Dann folgte schnell die Ernüchterung. Und schließlich mündete der scheinbar »schnelle« Einsatz in der Katastrophe, die sich über vier Jahre hinweg zog. Am 1. August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Viele Veranstaltungen erinnerten vor einem Jahr an diesen schwarzen Tag der Geschichte. Für Christina Dütjer vom Hildener Stadtarchiv ist die Aufarbeitung aber keineswegs abgeschlossen, im Gegenteil: Das LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum führt seit 2014 einen online geschalteten Wissenschaftsblog unter dem Titel »1914-1918: Ein rheinisches Tagebuch«. Zu finden unter archivewk1.hypotheses.org. Das Blog ist ein dezentrales Gemeinschaftsprojekt mit den rheinischen Archiven, darunter auch aus Hilden.

Christina Dütjer durchsucht Zeitungsberichte (»Rheinisches Volksblatt«) und andere Dokumente von damals, die die Facetten zeitgenössischer subjektiver Wahrnehmung und öffentlicher und veröffentlichter Meinung widerspiegelt. »Ich habe mich vorher nie richtig mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Jetzt aber finde ich den Blick auf diese Zeit sehr spannend«, sagt sie. So entsteht bis 2018 – zum Ende der Kämpfe 100 Jahre zuvor – ein nachträgliches Tagebuch.

Da das Rheinland selbst nicht Kriegsschauplatz war, stehen hier vor allem der Alltag in der Heimat und die Berichte der aus dem Rheinland stammenden Soldaten im Zentrum der Überlieferung. So berichtet das Stadtarchiv Hilden beispielsweise über folgende Anekdoten:

• Am Tag des Kriegsausbruchs fällt die Kirmes aus, aber die Prozession soll stattfinden. Und die Wirtshäuser sollen schon um 10 Uhr schließen. Erste Preistreibereien bei Grundnahrungsmitteln werden beobachtet, und der Wert des Papiergeldes in Frage gestellt. Am selben Tag gibt Karl Wilhelm Heitland, Bürgermeister von 1896 bis 1920 und Polizeichef, Strafbestimmungen für den Fall des Belagerungszustandes bekannt, zum Beispiel: Wer in einem in Belagerungszustand erklärten Orte oder Distrikte der vorsätzlichen Brandstiftung, der vorsätzlichen Verursachung einer Überschwemmung oder des Angriffs oder des Widerstandes gegen die bewaffnete Macht oder Abgeordnete der Zivil- oder Militärbehörde in offener Gewalt und mit Waffen oder gefährlichen Werkzeugen versehen sich schuldig macht, wird mit dem Tode bestraft.

• 12. August 1914: In einer amtlichen Bekanntmachung der Regierung wird darauf hingewiesen, dass Vergnügungen leichter Art (Possen, Tanzlokale oder Tingeltangel) dem Ernst der Zeit wenig entsprechen. Die patriotische Gesinnung des deutschen Volkes würde schon das richtige Maßhalten lehren.

• 15. September 1914: Verwundete und Sanitäter berichten, dass sich Frauen (»Schlachtenbummlerinnen«) aus Solingen, Remscheid und Hilden bis dicht an die Gefechtsgrenze heranwagten, um ihre Männer zu besuchen und sogar herauszuholen.

• 24. September 1914: Am Hildener Rathaus wird eine »Liebestonne« aufgestellt, bei der jeder Bürger seinen »Opfersinn« für die Soldaten bekunden kann, zum Beispiel durch Abgabe von Bekleidung, Puls- und Ohrenwärmern, Taschen- und Halstüchern, Leibbinden, Strümpfen, Unterhosen oder Hemden. Außerdem sind erwünscht: Zigarren, Zigaretten, Schokolade, Zahnbürsten, Briefpapiere, Bleistifte und »unterhaltsame Schriften«.

• 28. Dezember 1914: Zum Weihnachtsfest wendet sich allmählich die anfangs euphorische Stimmung. Eine Mischung aus festlicher Lieblichkeit und Kriegsernst, Bangigkeit, Siegesfreude und Hoffnungsstärke macht sich breit. Manch Platz bleibt unter dem Baum frei, und inmitten lustiggesinnter, von Weihnachtsfreude beseelter Kinder sitzen mancherorts schwarz gekleidete Menschen.

• 15. Juni 1915: Das stellvertretende Generalkommando des 7. Armeekorps verkündet: Beauftragte feindlicher Staaten hätten sich im Lande umhergetrieben, um bei Angehörigen von Kriegsteilnehmern Feldpostbriefe einzutreiben. Die Briefe würden dazu benutzt, um die Standorte von Truppen herzuleiten. Die Bevölkerung wird daher davor gewarnt, Feldpostbriefe an dritte Personen auszuliefern.

Bernd Morgner vom Stadtarchiv ist beeindruckt von diesen Einsichten: »Man kann sich sehr gut in die Zeit hineinversetzen.«

Hildener, die selber noch Briefe, (Feld-)Postkarten, Fotos, Tagebücher, Schulchroniken und andere Überlieferungen haben, können diese beim Stadtarchiv, Altes Helmholtz an der Gerresheimer Straße, einreichen. »Wir scannen die Dokumente ein, so dass sie gleich wieder mit nach Hause genommen werden können«, sagt Christina Dütjer. Kontakt unter Telefon 02103(72-360.

Neben Hilden beteiligen sich die Stadtarchive Bergisch Gladbach, Bornheim, Dinslaken, Düsseldorf, Goch, Kerpen, Kleve, Ratingen, Solingen, Troisdorf und Zülpich sowie das Kreisarchiv Euskirchen und das Archiv des LVR in Pulheim an dem Projekt.

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