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Drei mutige Männer retteten Gruiten zum Kriegsende

Wochenpost-Serie: »Gruitener Geschichten«

Haan. (BL/UKM). Udo Koch-Mehrin ist einer der Söhne von Johannes Koch, der als Pastor für die evangelisch-reformierte Gemeinde in Gruiten von 1941 bis 1946 zuständig war und die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegsjahre hautnah miterlebt und wie durch einen Zufall überlebt hat. Sein Sohn Udo Koch-Mehrin hat nach dem Tod des Vaters am 23. März 1968 die historischen Ereignisse anhand alter Dokumente und Schriftstücke aufgearbeitet und zum Teil schriftlich festgehalten. Dazu gehört auch der Bericht »Die Rettung von Gruiten - 16. April 1945«, die er dem Oberleutnant Baczewski, seinen Offizieren und auch drei Männern aus Gruiten zuschreibt, die den Oberleutnant von einer kampflosen Übergabe überzeugen konnten: Walter Lohoff, Prälat Bernhard Marschall und Wilhelm Friederichs: »Ihnen gebührt eine Ehrung durch die Öffentlichkeit, damit auch nachfolgende Generationen erkennen, wem sie die Unversehrtheit des heute so schönen Ortes verdanken. Es hätte auch ganz anders kommen können«, ist sich Udo Koch-Mehrin sicher.

Umso erfreuter ist der heute 80-Jährige, dass in dieser Woche eine Gedenktafel für »Die mutigen Männer von Gruiten« an der Bahnstraße angebracht wird. In unserer heutigen Ausgabe erinnern wir durch den Auszug eines geschichtlichen Rückblicks von Udo Koch-Mehrin an die heldenhaften und selbstlosen Taten dieser Herren:

 

Vor 70 Jahren wurde Gruiten durch die mutige Haltung des damaligen Ortskommandanten, Oberleutnant Johannes Baczewski, vor der Zerstörung gerettet, weil er sich geweigert hatte, den Führerbefehl der Heeresgruppe West zu befolgen, die alliierten Truppen an der Bahnlinie Wuppertal-Düsseldorf aufzuhalten. Ganz abgesehen davon, dass ihm das mit seinen militärisch begrenzten Mitteln nicht gelungen wäre, war ihm bewusst, dass sowohl die Zivilbevölkerung als auch seine Soldaten sehr gefährdet waren. Mit den amerikanischen Truppen hatte er am Morgen des 16. April 1945 an der Eisenbahnbrücke eine kampflose Übergabe vereinbart. Dieser Offizier wurde deshalb auch zu Recht in einer würdigen Feierstunde am 16. April 2011 geehrt und ihm ein Gedenkstein in der Nähe der Eisenbahnbrücke gesetzt. So wichtig diese Tat letztlich auch gewesen ist, er und seine Offiziere waren es nicht allein, die dazu beigetragen haben, Gruiten vor der Zerstörung zu bewahren. Insbesondere ist es drei Männern aus den beiden Gruitener Kirchengemeinden zu verdanken, dass es nicht zu noch mehr Blutvergießen gekommen ist. Sie konnten in einer Nachtaktion im Bataillons-Gefechtsstand, der im Keller des Hauses Lohoff an der Bahnstraße eingerichtet worden war, den jungen Oberleutnant von der Sinnlosigkeit eines Kampfes überzeugen. Ihre Namen sollten deshalb gleichwertig im Geschichtsbuch über Gruiten und im Gedächtnis der Gruitener Bevölkerung bewahrt werden, denn ohne sie hätte das »letzte Aufgebot der Wehrmacht« wahrscheinlich dem Führerbefehl gehorcht, mit dem Ergebnis einer möglichen Zerstörung Gruitens und dem Verlust vieler Menschenleben nicht nur bei der kämpfenden Truppe. 

Die drei mutigen Männer, die das unmöglich Erscheinende versuchen wollten, waren zunächst einmal Walter Lohoff, damals Kirchmeister der evangelisch-reformierten Gemeinde in Gruiten, in dessen Haus sich der Gefechtsstand befand. Hinzu kam der Pastor der katholischen Gemeinde in Gruiten, Prälat Bernhard Marschall, der einen langen und gefährlichen Fußmarsch vom Dorf zum Gefechtsstand vor sich hatte und der damalige stellvertretende Amtsvorsteher aus Gruiten Wilhelm Friederichs. Für beide war der nächtliche Aufenthalt auf der Straße während der Sperrstunde nicht ganz ungefährlich, denn Militärpolizei und SS-Einheiten kontrollierten wiederum sowohl die regulären Truppen als auch die Bevölkerung, um Verrat und Fahnenflucht zu verhindern. Verrat wurde, wie in Düsseldorf später geschehen, allgemein sofort mit standrechtlicher Erschießung bestraft, das galt ebenso für Soldaten wie Zivilisten.  

Alle drei Abgesandten standen vor und nach der entscheidenden Gesprächsrunde mit dem Pastor Johannes Koch in Verbindung, der von Beginn an in diese Aktion eingeweiht war.  

Friederichs, der zwar als Beamter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) angehören musste, hat im Amt immer versucht, etwas mehr Menschlichkeit in den Verwaltungsalltag zu bringen. Er war es auch, der Pastor Koch wenige Stunden vorher gewarnt hatte, dass er und der Prälat Marschall noch vor Eintreffen der alliierten Streitkräfte exekutiert werden sollten. Nach Auskunft von Friederichs hatten die örtlichen Parteigremien die Namen der zur Exekution vorgesehenen Personen während einer Lagebesprechung, an der auch die Verwaltungsspitzen teilnahmen, geäußert. Pastor Koch hatte daraufhin eine Höhle in einem alten Steinbruch an der Düssel mit Decken und Lebensmitteln ausstaffiert, um im Ernstfall dorthin fliehen zu können. Zu dieser Situation ist es dann glücklicherweise nicht mehr gekommen. 

Johannes Baczewski schrieb später, nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, in einem persönlich gehaltenen Dankesbrief vom 24. Juni 1956 an Walter Lohoff unter anderem folgenden Satz: »Ihr Einfluss, Ihr Alter und Ihre grauen Haare waren es, die mir am 16. April 1945 den richtigen Weg wiesen. Ich war ja damals noch so jung und ohne Sie hätte ich bestimmt die einzig richtige Handlungsweise nicht gefunden.« Oberleutnant Baczewski war als Kommandeur des Feld-Ersatzbataillons 162 damals im Jahre 1945 erst 23 Jahre alt.

 

 

Walter Lohoff, Wilhelm Friederichs und Prälat Bernhard Marschall retteten Gruiten vor 70 Jahren. 

 

 

 

            

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