Nicole Marschall

Tierwohl oder Profit?

Nutztierhaltung: Was hat sich wirklich verbessert?

Kreis Mettmann. (NM). »Wir Junglandwirte sind gefordert, die Landwirtschaft weiterzuentwickeln, wettbewerbsfähig zu bleiben und mit den Anforderungen der Vermarktung und der Verbraucher Schritt zu halten«, so Karl-Josef ­Walmanns (Rheinische Junglandwirte). Bleibt damit das Wohl des Tieres auf der Strecke?

Walmanns meint, nein, im Gegenteil: »Auch wenn immer alle meinen, früher war alles besser. Bei den Ställen beispielsweise stimmt das nicht.« Milchviehbetriebe haben in den letzten Jahren kräftig investiert und die einst engen, stickigen in offene, helle Ställe verwandelt. »Kühe lieben Temperaturen zwischen -10º und +10º Celsius. Früher hat man die Ställe so gebaut, dass sie aus menschlicher Sicht angenehm sind«, erklärt er: »Heute ist man hier auf wissenschaftlicher Basis viel weiter und weiß, dass Kühe es kühl mögen. Daher haben die Milchviehhalter Teile der Stallmauern herausgerissen und die modernen Ställe viel offener gebaut.« Innovative Technik, verbessertes Raumklima und Hygienemanagement sorgen für mehr Tierwohl und Arbeitsschutz.

Das mag keiner abstreiten, doch würden die Kühe es nicht noch mehr bevorzugen, den hellen, modernen Stall zumindest zeitweise gegen eine grüne Wiese eintauschen zu dürfen und sich frei darauf bewegen zu können?

»Tiergesundheitsindikatoren­ zeigen, dass es unseren Tieren besser geht als früher«, schreibt der Deutsche Bauernverband (DBV) und führt dazu wirtschaftliche Daten an: Laut diesen sank die »Verlustrate in der Schweinemast von 4,1 Prozent im Jahr 2004/05 auf 2,6 Prozent im Jahr 2011/12« und die Lebensrate von Milchkühen sei in den letzten zehn Jahren »trotz höherer Milchleistung stabil geblieben«. Züchtungen konzentrieren sich laut DBV neben der Steigerung der Lebensleistung vor allem auf die Zuchtziele Tiergesundheit, Robustheit und Langlebigkeit. Verbessert das wirklich das Leben der Nutztiere oder lediglich den Ertrag der Bauern?

Verübeln kann man der Landwirtschaft letzteres kaum. Insbesondere kleine Familienbetriebe haben es immer schwerer, über die Runden zu kommen. Schuld daran sind neben der Politik letztlich vor allem wir Verbraucher. Geht es um unser Geld, ist uns der Tierschutz schnell einerlei. Gemüse, Milch, Fleisch und Wurst dürfen nichts kosten. Da greift man lieber zum Billigprodukt aus dem Discounter – und unterstützt damit die sonst so verteufelte Massentierhaltung oder den Gemüseimport aus Übersee.

»Wie sollen Familienbetriebe bei weiter sinkenden Preisen überleben?«, fragte Margret Vosseler von den Rheinischen Landfrauen bei einer Pressekonferenz auf dem Milchbetrieb Gut Ellscheid in Haan: »Wir Landwirte arbeiten zeitweise nur für Kost und Logis. Manchmal werden nicht mal unsere Kosten gedeckt.« Denn: In Deutschland sind Lebensmittel so günstig wie nirgendwo sonst in Europa. Lediglich elf Prozent unseres Einkommens müssen wir Verbraucher hierzulande für Nahrung aufwenden, bemängelt auch Bernhard Conzen, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (RLV).

Der Behauptung, dass Tiere in der modernen Nutztierhaltung immer stärker leiden müssten, widersprechen RLV und DBV dennoch vehement. Die Landwirtschaft gerate zu Unrecht zunehmend in die Kritik der Öffentlichkeit, so Conzen: »Mit Schlagworten wie Massentierhaltung, Antibiotikamissbrauch und Umweltverschmutzung werden unsere Landwirte an den Pranger gestellt. Das wird den Leistungen der Bauern nicht gerecht.«

 

 

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.