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»Ich sehe die Entwicklung in Düsseldorf mit Sorge«

Michael Boll vom TSV Urdenbach hofft auf mehr Unterstützung für den Mädchen- und Frauenfußball

Urdenbach. (IT).Die Damen des TSV Urdenbach haben die Kreisliga gerockt wie keine andere Mannschaft. Kein Wunder: Das Team besteht zum großen Teil aus den ehemaligen U17-Niederrheinliga-Kickerinnen der Vorsaison. Warum der Frauenfußball in Düsseldorf dennoch das große Sorgenkind der Sportstadt ist, besprachen wir mit Coach Michael Boll.

Herr Boll, die TSV-Damen sind so gut wie aufgestiegen. Warum gibt es diesen großen Niveau-Unterschied zwischen Ihrer Mannschaft und dem Rest der Liga?

Unser Team besteht zum größten Teil aus Spielerinnen, die aus unserer eigenen Jugend kommen und in der vergangenen Saison in der Niederrheinliga gespielt haben. Diese Spielerinnen möchten leistungsmäßig Fußball spielen, und alles rund um die Mannschaft ist darauf ausgerichtet. Wir haben aber auch Teams in der Liga, deren Anspruch ein anderer ist. Da stehen eher der Spaß und das Beisammensein im Mittelpunkt. Aber auch, wenn der Vorsprung in der Liga aktuell recht groß ist, haben wir natürlich Mannschaften wie Rhenania Hochdahl und Ratingen 04/19, die ebenfalls einen ansehnlichen Fußball spielen und uns in den direkten Duellen gefordert haben. Dass wir bisher alle Duelle siegreich gestalten konnten, freut mich natürlich. Dazu stehen wir noch im Pokalfinale, was für uns ein absolutes Highlight ist.

Sie spielen in der Kreisklasse nach dem sogenannten „Norweger Modell“. Das heißt, man kann zur Not auch zu neunt antreten. Welche Vor- und Nachteile bietet diese Regel?

Für uns hat dieses Modelle nur Nachteile, da das Spiel mit acht Feldspielern auf dem kompletten Platz nur noch wenig mit dem Fußball zu tun hat, wie wir ihn normalerweise spielen möchten. Natürlich ist es verständlich, wenn den Vereinen, die nur über kleine Kader verfügen, die Möglichkeit geboten werden soll, am Spielbetrieb teilzunehmen. Aber für uns ist der Wechsel zwischen dem 9er und 11er Spiel schwierig, vor allem wenn man sich bestmöglich weiterentwickeln möchte. In ländlichen Gebieten macht das Norweger Modell durchaus Sinn, damit Spielerinnen nicht zu weite Wege bis zur nächsten Spiel- und Trainingsmöglichkeit zurücklegen müssen. Ob sowas in einer Großstadt wie Düsseldorf sinnvoll ist, möchte ich allerdings zumindest bezweifeln. Alternativ könnte man auch eigene Ligen für die 9er Teams einführen, damit die anderen Teams sich nicht ständig umstellen müssen. So könnten die Teams erhalten bleiben, ohne dass andere Mannschaften eine Beeinträchtigung erfahren.

Im Düsseldorfer Süden ist es ruhig geworden um den Mädchen- und Frauenfußball. Urdenbach geht hier mit gutem Beispiel voran, während die übrigen Vereine zurückgerudert sind. Wie stehen Sie zu der Entwicklung und was kann man tun, um in der Breite für Kontinuität zu sorgen?

Ich sehe die Entwicklung in ganz Düsseldorf mit Sorge, gerade was den Bereich U17 und U15 anbelangt. Unsere eigene U15 hat in der vergangenen Saison am U17 Spielbetrieb teilgenommen und war hinter unserer Niederrheinliga-Mannschaft die erfolgreichste U17 im Stadtgebiet. Hier wäre es wünschenswert, wenn andere Vereine mehr in den Mädchenfußball investieren würden. Diese Saison spielt der CfR Links eine gute Rolle in der U17 Leistungsklasse und wird hoffentlich die Qualifikationsrunde für die Niederrheinliga erreichen. Tusa 06 engagiert sich stark im Bereich U13 und U11.
Aber es reicht nicht aus, dass ein paar Vereine gute Arbeit leisten. Wir brauchen eine viel breitere Basis im jüngeren Bereich, damit wir genügend Talente entwickeln, die dann in den höheren Altersklassen eine gute Qualität besitzen. Zusammen mit Tusa 06 und dem CfR Links haben wir uns Gedanken gemacht, wie man eine solche breite Basis erreichen könnte und ich hoffe sehr, dass unsere Ideen umgesetzt werden. Nur wenn wir es schaffen, dass viele Mädels in jungen Jahren zum Fußball kommen, haben wir am Ende die Spielerinnen, die wir uns wünschen und die dazu beitragen werden, dass wir dauerhaft guten Mädchen- und Damenfußball in Düsseldorf bewundern dürfen.

Die aktuelle U17 ist das Aushängeschild des Vereins. Sie spielt in der Niederrheinliga. Nun müssen die Spielerinnen in der Bezirksliga der Damen antreten. Gibt es dennoch Herausforderungen, die eine junge, talentierte Spielerin dort finden kann?

Die Spielerinnen, welche in der vergangenen Saison in der U17 Niederrheinliga spielten und dort sogar Vizemeister wurden, mussten sich ja bereits fragen, ob sie in der Kreisliga spielen möchten oder eins der Angebote von Teams z.B. aus der Damen Niederrheinliga annehmen wollen. Dass alle geblieben sind und wir uns sogar noch verstärken konnten, spricht letztendlich für den guten Zusammenhalt innerhalb des Teams und innerhalb des Vereins. Auch, wenn die Liga nicht in jedem Spiel eine hohe sportliche Herausforderung bieten kann, schaffen wir ein leistungsorientiertes Umfeld für unsere Mädels. Sowohl unsere U17 als auch unsere Damenmannschaft werden von unserer Physiotherapeutin betreut, das Training findet dreimal die Woche statt und auch hier hat die Entwicklung der Spielerinnen die höchste Priorität. Darüber hinaus ist es den Mädels wichtig, dass sie sich in Urdenbach selber etwas aufbauen können, viele von ihnen sind auch in anderer Funktion im Verein tätig (z.B. als Trainerinnen). Die Entwicklung der Damenmannschaft in Urdenbach soll nicht in der Bezirksliga ihr Ende finden, aber zunächst muss in den kommenden Partien der Aufstieg in die Bezirksliga gesichert werden, daher möchten wir die restliche Saison genauso konzentriert angehen wie bisher. Die Herausforderung für die Spielerinnen in der kommenden Saison sowie bereits in der aktuellen Saison liegt also vor allem in der bestmöglichen persönlichen Entwicklung und hier bieten wir ihnen gute Möglichkeiten.

Was könnte man tun, um die Talente langfristig in Düsseldorf zu halten?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten und wurde bereits mit der Stadtpolitik und den im Mädchen- und Frauenfußball aktiven Vereinen erörtert. Wie ich bereits erwähnte, finde ich es zunächst wichtig, den Mädchenfußball in Düsseldorf auf eine deutlich breitere Basis zu stellen. Wenn hier die Vereine belohnt würden, die in diesem Bereich aktiv sind, sowie Anreize für neue Vereine geschaffen werden, sich in diesem Bereich zu engagieren, hätten wir den ersten Schritt geschafft. Denn wir brauchen uns nicht darüber zu unterhalten, wie wir die Talente in Düsseldorf halten, solange hier nur so wenige ausbilden. Weiterführend müsste man die Vereine dabei unterstützen, den nächsten Schritt zu gehen. Auch hier finde ich es wichtig, dass man die Leistung der Vereine honoriert, die bereits aktiv sind. CfR Links spielt seit Jahren eine gute Rolle im Damenbereich, wir in Urdenbach stellen seit einiger Zeit die größte und erfolgreichste Mädchenabteilung, Tusa 06 baut etwas auf, die Sportfreunde Gerresheim sind auch seit Jahren mit mehreren Mannschaften aktiv. Die finanzielle Unterstützung, die diese Vereine benötigen würden, um noch erfolgreicher zu sein, bewegt sich auf keinem hohen Niveau. Mit dem Budget, das so manche Herren Kreisliga Mannschaft im Jahr hat, könnte man in diesen Vereine die komplette Mädchen- und Damenabteilung deutlich voran bringen. Und nur, wenn sich viele Vereine engagieren, werden wir in Düsseldorf erfolgreich sein. Als Beispiel kann man hier Mönchengladbach und Essen zu Rate ziehen. In Mönchengladbach gibt es neben der Borussia noch den 1. FC und den FSC. Beide spielen mit ihrer U17 in der Niederrheinliga und bieten dazu noch starke U15 Teams auf. In Essen ist es mit dem FC Kray, Adler Frintrop und RW Essen ähnlich. Auch diese Vereine erzielen gute Ergebnisse und sind neben SGS Essen aktiv. Diesen Wettbewerb muss es auch in Düsseldorf geben und das vor allem in den höheren Altersklassen und nicht nur in den jüngeren, in welchen die Mädels eh noch besser in den Jungenmannschaften spielen sollten. Sollten wir dieses schaffen und uns gegenseitig antreiben, dann werden wir erfolgreicher sein und können unsere Talente halten. Wenn dann noch die Fortuna mit ins Boot geholt werden könnte, die diese Vereine unterstützt, dann haben wir etwas Gutes geschaffen, auf das wir alle stolz sein können.

Wie gut aufgestellt geht die Mädchen- und Frauenabteilung des TSV in die nächste Saison?

Ich hatte eben über die Gespräche mit der Stadtpolitik gesprochen. Im Zuge dieser Gespräche haben wir einen noch breiteren Zuspruch für den Mädchen- und Frauenfußball in unserem Verein erfahren. Wir konnten unsere Trainerteams deutlich erweitern, werden Kooperationen mit anderen Vereinen eingehen (unter anderem mit einem Bundesligisten), konnten viele andere Sachen anstoßen und denken, dass wir aktuell auf einem guten Weg sind. Mit den U17 Juniorinnen haben wir vier Spiele vor Saisonende bereits die direkte Qualifikation für die nächste Saison in der Niederrheinliga erreicht - ein Platz unter den ersten sechs Mannschaften war vonnöten. Und da wir in dieser Saison bereits mit einem sehr jungen Kader aktiv waren, muss uns auch vor der kommenden Saison nicht bange sein, auch wenn wir natürlich hoffen, das ein oder andere Talent vom TSV Urdenbach überzeugen zu können. In der U11 und der U13 starten wir mit deutlich größeren Trainerteams, damit wir die Mädels noch besser fördern können. Unsere Physiotherapeutin ist auch bei den Verbandsauswahlen aktiv und gibt uns immer neuen Input. Darüber hinaus wird sie in der kommenden Saison auch die jüngeren Mannschaften mit betreuen. Ich denke, wir sind gut vorbereitet, aber am wichtigsten ist, dass wir uns auf den aktuellen Erfolgen nicht ausruhen, sondern weiter mit der gleichen Einstellung ans Werk gehen. Wenn wir dann noch weiterhin so viele Mädchen für den Fußball beim TSV Urdenbach begeistern können wie in der Vergangenheit, dann können wir im Mädchenbereich zufrieden sein. Bei den Damen werden wir uns neben unseren eigenen Talenten aus der U17 auch mit ein paar externen Spielerinnen verstärken können und somit haben wir auch hier wieder einen sehr guten Kader beisammen. Wenn das Team weiter so toll arbeitet wie in der Vergangenheit, dann werden die Zuschauer in Urdenbach erneut richtig guten Damenfußball zu sehen bekommen. Und wenn nicht, dann ist sowieso der Trainer schuld (lacht).

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