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Und plötzlich entsteht eine ganz neue Geschichte

Benrath. Geschichtsschreibung ist Männersache. Sie handelt von Königen, Kaisern, Kaufleuten und Päpsten. Ausnahmen bestätigen eher die Regel als dass sie diese widerlegen. Damit ist nun Schluss - zumindest in Benrath.

Im Schloss Benrath hielten sich nicht nur  bedeutende und mächtige Fürsten auf, sondern auch ihre Gattinnen, Töchter oder Schwestern. Frauen, die sich an Konventionen halten mussten, die sie in ihren Freiheiten beschnitten, die aber gleichzeitig auch Privilegien genossen. 

Kurator Björn Mismahl, der als Volontär für die Stiftung Schloss und Park Benrath tätig ist, ging dem Schicksal der Frauen auf Schloss Benrath in drei Jahrhunderten auf den Grund und förderte erstaunliche Erkenntnisse zutage, die in der Ausstellung »Frauengeschichten« gebündelt im Museum für Gartenkunst noch bis zum 23. Juni zu sehen sind.  

»Wir haben es mit herausragenden Zeuginnen der Geschichte zu tun, die in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle einnehmen. Indem wir den Fokus von den Männern auf die Frauen gelenkt haben, entsteht eine ganz neue Geschichte«, erklärt Dr. Stefan Schweizer, wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Schloss und Park Benrath. 

Heimlich konvertiert

In der Ausstellung treffen wir auf Persönlichkeiten wie beispielsweise Elisabeth Amalie von Hessen-Darmstadt (1635-1709). Die Prinzessin heiratete Kurfürst Philipp Wilhelm von der Pfalz und trat für diese Verbindung sogar heimlich zum Katholizismus über, nachdem sie in ihrer Jugend streng protestantisch erzogen worden war. Elisabeth war 23 mal schwanger, 17 Kinder erreichten das Erwachsenenalter. Sie schrieb Erziehungsratgeber, war ausgesprochen religiös und widmete sich diversen karitativen Aufgaben. »Letztere werden in der offiziellen Geschichtsschreibung allerdings häufig eher abwertend betrachtet«, erklärt Björn Mismahl. 

Was wohl zeitgenössische Chronisten über das Hobby Anna Maria Luisa de‘ Medici (1667-1743) gedacht haben mögen. Die Gattin Jan Wellems war eine leidenschaftliche Jägerin - nicht nur von Kleingetier. Zudem konnte sie auch auf der großen politischen Bühne ihr diplomatisches Geschick einsetzen, ebenso wie ihren Einfluss beim Ausbau Düsseldorfs zur kulturell ansprechenden Residenzstadt. 

Nur Nachahmer?

Ähnlich verhielt es sich auch mit Kurfürstin Elisabeth Auguste von der Pfalz (1721-1794), die sich gesundheitspolitisch engagierte und den Elisabethorden gründete. Oder Wilhelmine Luise von Preußen (1799-1882), die sich auch künstlerisch einen Namen hätte machen können. »Hätte, weil Frauen damals nur als Imitatorinnen männlicher Künstler anerkannt wurden«, sagt Mismahl. Wilhelmine setzte sich karitativ und religiös ein, kümmerte sich um weibliche Strafgefangene und engagierte sich in der Graf-Recke-Stiftung. 

Mit Antonia von Hohenzollern-Sigmaringen (1845-1913) teilte sie das künstlerische Talent. Die portugiesische Prinzessin war allerdings nicht nur eine ausgezeichnete Malerin, sondern auch ein Sprachgenie. Trotzdem ist kein einziges politisches Statement von dieser hochgebildeten Frau erhalten. All ihre Briefe hat sie vor ihrem Tod verbrannt. 

Tödliche Affäre

Ein solches Statement gibt Elisabeth von Ardenne im Grunde alleine durch ihre Lebensgeschichte ab. Als lebenslustige, künstlerisch begabte Frau eines Rittmeisters auf Schloss Benrath, die sich in einen Amtsrichter verliebt, der wiederum vom eifersüchtigen Gatten im Duell aus dem Weg geräumt wird, sich dann scheiden lässt und die gemeinsamen Kinder zu sich nimmt, während die Verstoßene sehen muss, wie sie zurechtkommt, zeigt sie die ganze Tragweite der Abhängigkeiten und des leisen, aber beständigen Widerstandes adliger  Frauen auf. Denn die historische Vorlage von Fontanes »Effi Briest« schlägt sich sehr erfolgreich als Krankenschwester durch, geht in ihrer Aufgabe auf, sieht ihre Kinder spät wieder und stirbt im biblischen Alter von 98 Jahren.  

»Diese Ausstellung ist ein großes Geschenk. Es wäre wunderbar, wenn das, was hier über die adligen Frauen von Schloss Benrath herausgefunden wurde, einen Beitrag zur aktuellen Diskussionen über Geschlechterbefindlichkeiten leisten könnte«, sagt Dr. Stefan Schweizer. 

Die Ausstellung im Museum für Gartenkunst

- geöffnet - Di-Fr 11-17 Uhr; Sa & So 11-18 Uhr

- diverse Fachvorträge - Programm unter www.schloss-benrath.de

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