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Interview: Fortuna Stadionsprecher-Legende Dieter Bierbaum

Düsseldorf. Im Wochenpost-Interview blickt Stadionsprecher Dieter Bierbaum zurück auf 34 Jahre am Mikrofon, seine Zeit als OK-Chef für die WM 1974 in Düsseldorf und sagt, was er von den aktuellen Entwicklungen im Fußball hält.

Herr Bierbaum, nach 640 Spielen als Stadionsprecher: Wie schauen Sie heute die Spiele der Fortuna?

Die Heimspiele auf der Tribüne. Und die Auswärtsspiele zu Hause auf dem Sofa.

Wie sind sie zum dienstältesten Stadionsprecher der Bundesliga geworden?

Unser damaliger Fortuna-Vorsitzender, der Bürgermeister Bruno Recht, hat eines Tages zu mir gesagt: „Du machst am Samstag Stadionsprecher.“ „Wie?“ „Ja, machst du.“ Das war im August 1971 gegen Hannover 96 im Flinger Broich. Ich hatte davor schon mal ein Länderspiel gesprochen, von daher kannte ich mich ein bisschen aus. Und daraus sind dann 34 Jahre und 640 Pflichtspiele geworden. Das wird wahrscheinlich auch ein Rekord für die Ewigkeit sein. Der Rekordspieler für die Bundesliga, Karl-Heinz Körbel, hat 602. Aber Heim- und Auswärtsspiele zusammen.

Gab es Kontakt zu anderen Stadionsprechern?

Wir haben uns alle paar Monate getroffen und darüber gequatscht, was hier wieder los war und was da wieder los war. Damals ging das auch los, dass die ersten Stadionsprecher bezahlt wurden. Ich habe das ja alles ehrenamtlich gemacht. Als ich aufgehört habe, bekam der Sprecher des BVB, soweit ich weiß, im Monat 4000 Euro dafür.

Und Sie?

Ich bekam zum Schluss im Monat eine kleine Aufwandsentschädigung. Aber ich habe nie auch nur eine einzige Fahrt bei der Fortuna abgerechnet. Wissen Sie, was für da für die Fahrten drauf gegangen ist? Auto, Zugreisen, Flüge. Ich habe das mal Silvester zu Hause zusammengerechnet. Da kam dann schon eine kleine Eigentumswohnung bei heraus.

Waren Sie nur in Düsseldorf Stadionsprecher?

Ich habe vertretungsweise in Dortmund, in Duisburg und in Mönchengladbach gesprochen. An einem Samstag habe ich mal zwei Spiele gehabt. Eines im Stadion Rote Erde, Dortmund gegen Stuttgart, und abends in Düsseldorf. Das war schon kriminell, die Polizei hat mich im Stadion abgeholt, ich saß mit Polizeihelm auf dem Sozius des Polizeimotorrads und die Leute auf der Tribüne haben gedacht, „Was ist das denn für ein Verbrecher, den sie da aus dem Verkehr ziehen?“ So haben die mich zu meinem Auto gebracht, und dann hat mich abwechselnd die Polizei aus Dortmund, Bochum, Essen und die aus Düsseldorf zum Rheinstadion eskortiert. Und abends sollte ich dann frisch und munter Fortuna gegen den 1. FC Köln sprechen. (lacht).

Wie sind sie eigentlich zum Verein gekommen?

Ich bin mit 13 Jahren Mitglied bei der Fortuna geworden und dann habe ich bis zur A-Jugend und bei den Amateuren im Verein gespielt. Als Außenläufer, wie das früher genannt wurde. Langer Ball, lauf hinterher. Mein Trainer war der Kapitän der Meistermannschaft von 1933, Theo Breuer.

Wie sah das Training damals aus? Wahrscheinlich nicht sehr pädagogisch?

Nicht sehr pädagogisch, nein (lacht). Immer schön laufen. Zum Teil mit vier Medizinbällen unter dem Arm über den Platz. Mit 15 habe ich mir bei Karstadt die ersten Stollenschuhe gekauft, „Adidas Argentina“, 34 Mark. Die Kollegen haben mich ganz schräg angeguckt: „Was bist du denn für ein Vogel?“ Aber die hatten mir so gut gefallen (kleinlaut).

Sie waren nicht nur 34 Jahre lang Stadionsprecher von Fortuna Düsseldorf, Sie waren auch Chef des Organisationskomitees für Düsseldorf bei der WM 1974. Wie ist es dazu gekommen?

Ich war Generalsekretär des deutschen Ski-Verbandes und habe bei einer Tagung Hermann Neuberger vom DFB kennengelernt. Der sprach mich an: „Sagen Sie mal, Sie kommen doch eigentlich vom Fußball. Wir bauen gerade das Organisationskomitee für die WM 1974 auf. Hätten Sie Interesse, da mitzuarbeiten?“ Zuerst war ich verantwortlich für den Aufbau der ganzen Außenstellen der neun WM-Standorte. Als wir dann für Düsseldorf einen WM-OK-Chef, brauchten, habe ich gedacht, mache ich das doch einfach selber.

Was ist ihnen von der WM besonders im Gedächtnis geblieben?

Der jugoslawische Staatschef Tito war auf Staatsbesuch in Deutschland, und der wollte natürlich das Spiel Deutschland gegen Jugoslawien in Düsseldorf sehen. Um 11 Uhr vormittags bekam ich eine Bombendrohung für das Spiel. Die Behörden haben den Besuch Titos dann noch abwenden können. Die Polizei sagte mir, „bis 14 Uhr müssen Sie entscheiden, ob das Spiel stattfindet!“. Die haben dann sämtliche Hunde aus Nordrhein-Westfalen angekarrt, aber gefunden haben sie nichts. Aber stellen Sie sich mal vor, da wäre etwas passiert. Dann hätte ich mir gleich einen Strick nehmen können.
Noch so ein Ding bei diesem Spiel gegen Jugoslawien. Der Schiedsrichter monierte beim Rausgehen die Stollen an den Schuhen von Enver Maric (dem Torwart der Jugoslawen, Anm. der Red.). Dann musste ein Mannschaftsbetreuer neue Schuhe aus dem Hotel holen. Aber das war alles total strikt getaktet, das lief alles minutiös ab. Das internationale Fernsehen wollte mich schon regresspflichtig machen, weil wir 25 Minuten später angefangen haben, weil der neue Schuhe brauchte.

Sie haben auch das Rekord-Spiel der Bundesliga gesprochen, Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund, 12:0.Wie geht man als Stadionsprecher damit um, wenn man weiß, dass man gerade Geschichte erlebt?

Nach fünf Minuten stand es schon 3:0 für Gladbach. Ich dachte nur, was ist denn hier los? Zeitgleich spielte der 1. FC Köln in Hamburg gegen St. Pauli. Wenn der FC nur 1:0 gewonnen hätte, wäre Gladbach Deutscher Meister geworden. Hennes Weisweiler, der ehemalige Gladbach-Trainer, der jetzt die Kölner trainierte, hat in Hamburg getobt wie verrückt: „Was ist denn da in Düsseldorf los? Sind die besoffen oder bestochen?“ Aber Köln hat 5:0 gewonnen und ist doch noch Deutscher Meister geworden.

Sie waren auch zwischenzeitlich Manager von Liga-Konkurrent Hertha BSC. Wie ist es denn zu dieser Konstellation gekommen?

Nach der WM hat mich ein guter Freund, der damalige Trainer der Hertha, Kuno Klötzer, der auch schon die Fortuna trainiert hatte, angerufen: „Hertha braucht einen Manager, hast du nicht Lust, nach Berlin zu kommen?“ Und dann habe ich einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben, aber mit einer Klausel, dass ich nach einem Jahr wieder gehen kann. Und das habe ich dann auch gemacht.

Warum?

Weil der Verein total pleite war. Ich musste gemeinsam mit dem Schatzmeister jeden Monat drei Banken abklappern, um die hohen Gehälter zusammenzukriegen. In Berlin bekamen die Spieler mehr Geld als bei den anderen Vereinen. Ich selbst habe da auch ganz gut verdient. Aber ich dachte, „fünf Jahre hier, das halte ich nicht aus.“ Die finanzielle Situation war schlecht und ich wollte nicht mehr jeden Monat Klinken putzen.

Können Sie eigentlich die Auseinandersetzung zwischen den sogenannten Retorten-Clubs und den Traditionsvereinen nachvollziehen? Oder anders gefragt: wer hat das Recht auf den wahren Fußball?

Was ist denn der wahre Fußball? Man kritisiert in dem Zusammenhang immer Hoffenheim und Leipzig, aber dann muss man auch Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg erwähnen und Vereine wie Bayern München und Borussia Dortmund genauso. Den wahren Fußball gibt es nicht.

Da sind wir schon beim Thema Ultras. Die behaupten für sich, sie würden die wahren Werte des Fußballs beschützen.

Ich habe nichts gegen die Ultras und ihre Unterstützung ist auch wirklich hervorragend. Nur wenn ich dann lese, dass wir immer wieder Unsummen für den Unsinn Pyrotechnik bezahlen müssen, das kann ich nicht verstehen. Wenn einer seinen Verein liebt, dann tut er alles, um Schaden von ihm abzuwenden. Das ist das, was ich nicht nachvollziehen kann. Wir sammeln überall mit der Büchse Geld ein, weil wir den kleinsten Bundesliga-Etat haben. Und dann zahlen wir für solche Geschichten.

Wie empfinden Sie diese Veränderung im Fußball, weg vom familiären, hin zum Riesenspektakel, das in alle Länder der Welt übertragen wird. Ist da auch ein bisschen Wehmut bei?

Ja, absolut. Weil bei dieser Entwicklung der Amateur-Fußball auf der Strecke geblieben ist. Früher war Sonntag, 15 Uhr, in ganz Deutschland die Amateur-Zeit. Und heute wird um 15 Uhr Bundesliga übertragen. Und um 18.30 Uhr auch. Wer geht denn dann zu seinem Amateur-Verein? Das ist bitter! Die ganzen Leute, die im Verein ehrenamtlich mitarbeiten, um den Laden zusammenzuhalten, die versuchen, die Penunzen zusammenzukratzen, die der Verein braucht, um am Spielbetrieb teilzunehmen. Das ist doch die Grundlage des Fußballs. Natürlich brauchen wir das große Ganze, aber es kommt zu wenig runter. 

Die Bundesliga ist der Zuckerguss, aber das Herz schlägt da drunter?

Ja, so ist es. In ganz Deutschland haben die Amateur-Vereine Probleme, und alle sind sauer, dass der DFB so wenig für die Amateure tut.

 

Heute wird zu viel gebrüllt

 

Heute ist mehr Spektakel, das betrifft ja auch Ihre Branche. Wie empfinden Sie die neue Generation der Stadionsprecher?

Heute ist das viel mehr Kirmes. Es wird, überspitzt gesagt, zu viel gebrüllt.
Das ist nie mein Ding gewesen. Das Individuelle fehlt mir bei der heutigen Generation. Wir hatten früher im Westen Stadionsprecher, die hatten ihren eigenen Stil. Die kannte man. Die heutigen Stadionsprecher kann man austauschen. Die können sie hier wegnehmen und da hintun, das Brüllen ist das Gleiche.

Gilt das auch für den aktuellen Stadionsprecher der Fortuna.

Nein, der macht das nicht mit. Ich bin durchaus zufrieden mit ihm.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Für mich war immer das Wichtigste, gut zu informieren, das Spiel gut zu verfolgen und nichts zu verpassen. Auch die positive Einleitung zum Spiel war wichtig, gegen wen spielen wir? Was müssen wir tun, um das Spiel heute zu gewinnen? Man muss zur rechten Zeit das richtige Wort und den richtigen Ton treffen. Das kommt immer auf die jeweilige Situation an.  

Fußballvereine sind für viele Menschen ein Stück Heimat, und für viele Fans waren sie die Stimme der Heimat. Macht Sie das stolz?

Ich habe das zum ersten Mal so richtig mitbekommen, als der WDR einen Film zum 40. Geburtstag der Bundesliga gemacht hat. Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich für viele dieses Stück Fortuna Düsseldorf verkörpere. Ich bin immer gerne in die Fan-Clubs gegangen und ich war der erste Stadionsprecher, der sich bei jedem Spiel vor den Fan-Block gestellt hat, damit die Zuschauer mich sehen konnten, dass ich sie ansprechen konnte. Ich glaube, das war wichtig. Manchmal habe ich dann bei schlechten Spielen gehört, „außer Bierbaum könnt ihr alle gehen."

Sie haben viele Trainer erlebt, welcher war für Sie der Beste?

Menschlich oder fußballerisch?

Sowohl als auch.

Ich glaube, es waren insgesamt 18 Trainer. Ein guter Trainer war Aleksandar Ristic, aber menschlich schwierig. Kuno Klötzer, Europapokal-Sieger mit dem HSV, das war einer vom alten Schlag. Und wir hatten noch ein paar gute Trainer dabei. Auch Rehagel war ein guter Trainer, aber an den Menschen ist man nicht herangekommen.

Wenn Sie in die große Wunschkiste greifen könnten, was wünschen Sie der Fortuna?

Ich wünsche ihr, dass sie stabil bleibt. Und dass sie eigene gute Talente hervorbringt, die uns weiterhelfen. Denn das ist der einzige Weg, bei diesen Wahnsinnssummen, die heute für Spieler herausgeschmissen werden. Mit dem neuen Nachwuchsleistungszentrum sind sie aber auf einem guten Weg. Und natürlich, dass sie die Liga hält. Denn auch, wenn das in München eine Sensation war: Wir haben den kleinsten Etat der Liga. Da kann man leider nicht allzu viel erwarten.

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Kommentar von Carsten Heidkamp
Erst einmal danke an Dieter Bierbaum für die vielen Dinge die er für unsere Fortuna geleistet hat und seine tolle Arbeit und Art als Stadionsprecher. Ich selber war ja mal Stadionsprecher der Zwoten am Flingerbroich und wir haben mal die Plätze getauscht, er hat die Zwote im DFB Pokal als Sprecher gehabt und ich die erste im Pokal im Rhein Stadion (leider verloren) aber es war trotzdem ein erlebnis für mich auf seinem Platz gesessen zu haben und eine Pressekonferenz zu leiten. Unser Trainer war damals Alex.
Viele Grüße aus dem Münsterland an Dieter
Gruß Carsten