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Ein Moment, der das Leben verändert

Der Reizgasangriff am Schulzentrum Walder Straße wird noch lange im Gedächtnis der Betroffenen bleiben

Haan. (BL). Der letzte Donnerstag im September wird ein Tag bleiben, den viele Familien aus Haan und Umgebung so schnell nicht vergessen werden. Nach einem Reizgasangriff am Schulzentrum Walder Straße mussten über 120 Schüler untersucht werden, 31 wurden direkt in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Auch wenn sie weitestgehend körperlich genesen sind, braucht die Aufarbeitung Zeit.

Für die WOCHENPOST hat Bettina Lyko mit einer Familie gesprochen, die diesen Tag mit allen Höhen und Tiefen erlebt hat. Mutter Sandra (alle Namen wurden redaktionell geändert) hatte die vielen Rettungsfahrzeuge bereits Zuhause gehört. Durch eine E-Mail der Klassenpflegschafts-Vorsitzenden erfuhr sie, dass an der Schule ihrer beiden Töchter ein Anschlag verübt worden war. Marie-Sophie (11) und Charlotte (14) besuchen die Realschule. »Ich habe noch nie so eine Angst um meine Kinder gehabt«, gesteht die Mutter, die sofort versucht hatte, ihre ältere Tochter über das Handy zu erreichen - vergeblich. Momente des Bangens folgten bis endlich der Rückruf kam: »Mama, hier ist was Schlimmes passiert, du musst sofort kommen.« Wie intensiv die nächsten Minuten für die Mutter waren, merkt man ihr noch heute im Gespräch an. 

Lob an Lehrer und Helfer

Charlotte, die den Anschlag aus nächster Nähe aber ohne körperliche Beschwerden überstanden hatte, fand ihre Schwester Marie-Sophie bei den Kindern, die ins Krankenhaus gebracht werden mussten: Die Elfjährige hatte Husten, Hals- und Kopfschmerzen, ihr wurde schwarz vor Augen. Als Mutter Sandra an der Schule eintraf, wurde sie direkt von einem der Helfer gefragt, wen sie sucht und zu ihren Töchtern gebracht. Im Nachhinein zeigt sich die Mutter begeistert über die Arbeit, die Schule und Rettungsdienste hier geleistet haben. »Es war alles richtig gut organisiert: Auf einem Flipchart standen die Namen der Kinder, die ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Die Rettungskräfte gingen super kindgerecht mit den Schülern um. Sie haben es geschafft, Ruhe und Ablenkung in das erste Chaos zu bringen. Und auch die Lehrer waren klasse«, so die Mutter: »Sie waren jederzeit ansprechbar.« Lehrer und Seelsorger boten am nächsten Schultag Einzel- und Gruppengespräche an. Und die psychologische Beratungsstelle für Hilden und Haan räumte Sondertermine ein.

Frage nach dem Warum bleibt

Während Marie-Sophie das Krankenhaus kurze Zeit später verlassen konnte, musste Charlotte am Abend dorthin: Sie stand den Tag über unter Schock. Ein Tag, der eigentlich ein ganz besonderer sein sollte - ein Familienfest war geplant. Charlotte hat den Reizgasangriff aus nächster Nähe miterlebt. Sie stand mit Freunden in der ersten großen Pause auf dem Schulhof. Dann zog ein 16-jähriger Schüler das Pfefferspray und sprühte es in ihre Richtung. Sie sind in das Gebäude gerannt ohne zu wissen, dass er noch weiter machen würde. Da zu dem Zeitpunkt niemand das Ausmaß erkennen konnte, ging der Unterricht erst ganz normal weiter. Charlotte kennt den jungen Mann und hätte ihm eine solche Tat nicht wirklich zugetraut. Sie glaubt, er wollte schlichtweg cool sein: »Dass er Kindern ins Gesicht sprüht und selbst lacht, wenn sie auf dem Boden liegen, hätte ich nicht gedacht«, so die Teenagerin, die sich nicht gern in den Mittelpunkt drängt. Doch das er für seine Tat nicht zur Rechenschaft gezogen wird, das möchte die junge Frau auch nicht. »Ich möchte Abschließen mit dem Menschen und damit, was er getan hat.«

 

KOMMENTAR:

Hilfe annehmen

Nach so einem furchtbaren Ereignis werden Fakten und Zahlen immer schnell aufbereitet. Schüler und Schülerinnen wie Charlotte fallen dabei durch die Statistik. Dabei ist die junge Frau kein Einzelfall. Körperliche und seelische Verletzungen sind jedoch gleichermaßen schlimm und brauchen Zeit und Unterstützung, um zu heilen. Da ist es ratsam Hilfe anzunehmen. Mehr Infos zur Beratungsstelle für Familien in Hilden und Haan finden Betroffene im Internet unter hilden.de/beratung

Bettina Lyko – redaktion-haan@wochenpost.de

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