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Immer auf der Suche nach dem absoluten Moment

Wir passten Status-Quo-Legende Francis Rossi auf der aktuellen Tournee ab und befragten ihn zur neuen Platte

Düsseldorf. »The Last Night Of The Electrics«, so der prophetische Titel des neuen Status-Quo-Live-Albums, zeigt die Band, die zu den letzten ganz großen Rock-Institutionen zählt, von bestechender Spielfreude. Wie die Briten den Tod ihres Gitarristen Rick Parfitt verkrafteten, ob sie tatsächlich nur noch Akustik-Shows spielen werden und warum man auch aus einem Akkord einen großartigen Song machen kann, besprachen wir mit Gitarrist und Sänger Francis Rossi, der der WochenPost eine persönliche Audienz unmittelbar vor dem Auftritt im Mönchengladbacher Hockeypark gewährte.

Francis, wie hast Du dich gefühlt, als du Mitte des letzten Jahres plötzlich ohne Rick auf die Bühne musstest?

Na ja, es war ja nicht das erste Mal. Das Gute – wenn man es denn so nennen will - an der Sache mit Rick ist, dass es nicht plötzlich kam. Wir wussten, dass er aufgrund seines Herzinfarktes Zeit brauchen würde, um sich zu erholen. Daher war das Gefühl bei den Konzerten selbst nicht so wahnsinnig intensiv. Der Schock kam, als er dann im Dezember tatsächlich gestorben ist. Eigenartigerweise hat Rick im Sommer noch gesagt: »Wenn ich mal tot bin, müsst ihr unbedingt Richie (Malone, neuer Status-Quo-Gitarrist – d. Red.) in die Band holen.«  Darüber haben wir uns damals alle lustig gemacht. Als Rick dann tragischerweise kurze Zeit später wirklich verstarb, dachten wir nur: »Oh mein Gott, wie konnten wir damals nur lachen?«

Aber ihr habt weitergemacht.

Ja, denn wir hörten genau auf das, was Richie spielte und fanden heraus, dass es viel näher an den Originalen war, als das, was wir seit Jahren machten. Davon waren wir wirklich beeindruckt und es hat Lust auf mehr gemacht.

Also hat Richie euch zurück zu euren eigenen Wurzeln geführt?

Das kann man so sagen. Er sorgte dafür, dass wir darüber nachdachten, was wir in Zukunft noch alles machen könnten, weil es sich richtig anfühlte. Und deshalb sind wir heute noch hier. 

Was macht den Londoner Gig, den ihr für das Live-Album ausgewählt habt, so besonders?

London ist wahrscheinlich deswegen so speziell, weil wir nervöser und daher auch fokussierter waren, da wir ohne Rick spielten. Der Gig hatte seine ganz eigene Dynamik und Überraschungen. Das machte unsere Performance letztlich wahrscheinlich so gut.

Bist du heutzutage, nach mehr als 50 Jahren im Geschäft,  tatsächlich noch nervös, wenn du auf die Bühne gehst?

Nervös nicht, sondern verängstigt, weil ich immer älter werde. 

Das hat aber nichts damit zu tun, dass manche Leute sagen, man könne Rick Parfitt nicht ersetzen?

Natürlich kann man. Wir haben es ja schließlich getan. Man hat auch nicht gedacht, dass die Stones Brian Jones ersetzen können – und sie haben es dennoch gemacht. Mit Erfolg, wie man weiß. Bei Queen und Freddy Mercury hätte es hingegen nicht funktioniert. Niemand kann Freddy Mercury ersetzen. Schau mal, das Leben ist einfach unglaublich grausam. Und das Showbusiness erst recht. Es hat aber auch damit zu tun, wie man auf bestimmte Vorfälle im Leben reagiert. Als beispielsweise mein Vater gestorben ist, war ich natürlich sehr traurig, bin aber trotzdem zu einem Gig gefahren. Das, was mich mit Rick verbunden hat, ist tief in mir drin. Niemand versteht das und es geht auch niemanden etwas an. Natürlich vermisse ich ihn, aber ich kann nicht das tun, was die Leute von mir erwarten, auch, wenn man mir das übel nimmt. 

2007 brachtet Ihr das Album »In Search Of The Fourth Chord« heraus – ein Seitenhieb auf Leute, die euch immer belächeln und behaupten, all eure Songs bestünden aus drei Akkorden. Ärgert dich das Klischee?

Ach was. Was ist falsch an drei Akkorden? Es gibt großartige Songs, die aus nur einem Akkord bestehen. Die meisten Leute, die sich darüber lustig machen, wissen doch noch nicht mal, was ein Akkord überhaupt ist. Fuck them!

Wie hat sich euer Publikum im Laufe der letzten Dekaden verändert?

Na ja, in den 60ern und 70ern saßen die Leute bei den Konzerten und hörten andächtig zu. Auch in den sogenannten »wilden Zeiten«. Selbst beim berüchtigten Hyde-Park-Konzert der Stones 1969 applaudierten die Fans nur artig. Danach kamen irgendwann Alkohol und Speed ins Spiel und alles änderte sich. Die Fans rasteten aus. 

Die Technik trägt wohl auch ihren Teil zu einer veränderten Konzertwahrnehmung bei.

Die Erwartungshaltung an eine Produktion ist heute eine andere als früher. Viele Bands nutzen Samples auf der Bühne. Das hat natürlich nichts mit alter Schule zu tun, aber das Verhalten vieler Fans, die das ganze Konzert mit ihrem Handy filmen und es online stellen, noch bevor der Song zu Ende ist, ebenfalls nicht. Jede Erfindung hat eben etwas Positives und Negatives an sich. Diese Erkenntnis ist das eigentlich Frustrierende am Altern. Es gibt nichts Absolutes, obwohl ich mein Leben lang danach gesucht habe. Ich sehne manchmal den Moment herbei, wenn ich nach der Show zum Bus gebracht werde und die Füße hochlegen kann – ein wirklich absoluter Moment. Nicht falsch verstehen: Ich liebe es, zu spielen. Aber es gibt einfach dieses Gefühl, gegen das man nur schwer ankommt. Ich weiß noch, als wir einmal in Holland gespielt haben und wir vom Bus aus die abendlich erleuchteten Häuser sehen konnten, wo Familien zusammen saßen und einfach ihren Feierabend genossen. Ich hätte alles dafür gegeben, mit ihnen zu tauschen, musste aber zur Arbeit, haha. Das klingt jetzt wirklich undankbar, aber für mich ist das nur menschlich. Wir Menschen wollen immer das, was wir nicht haben.

Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, warum die Menschheit sich immer noch mit Begeisterung überall auf der Welt gegenseitig bekämpft. Ist das frustrierend für jemanden, der vor 30 Jahren einen Riesen-Hit mit dem Anti-Kriegs-Lied »In The Army Now« hatte?

Nein. Letztlich war auch dieser Song wegen der netten Hookline erfolgreich und nicht wegen der Message. Er ist kommerziell, pures Entertainment. Ich weiß, dass manche Menschen denken, Songs müssten sozialkritisch sein, um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Aber für mich ging es immer eher um persönliche Assoziationen. Ich weiß noch, dass ein Schulkamerad, der sich immer in Schwierigkeiten brachte, sich eines Tages aus der Not heraus bei der Armee verpflichtete, weil er wahrscheinlich die Heldengeschichten geglaubt hat, die man ihm über das Armeeleben erzählt hat. Daran musste ich denken, als ich den Song zum ersten Mal hörte. Was ging wohl in ihm vor, als er am ersten Morgen beim Militär erwachte und die Realität spürte?

Interessante Aussage von jemandem, der als Offizier mit dem Verdienstorden des British Empire ausgezeichnet wurde. 

Ich habe ein Problem mit dem Empire. Viele Briten werfen mit Slogans wie „Make Britain Great again“ um sich. Und man fragt sich, was daran großartig sein soll. Great Britain ist ein geographischer Begriff, er hat nichts mit fantastischen Taten zu tun. Oh je, jetzt werden mich einige Leute wahrscheinlich umbringen oder zumindest aus diesem Orden werfen.

Fantastische Taten könnten Status Quo weiterhin auf der Bühne vollbringen. Künftig tatsächlich nur noch als Akustik-Ensemble oder vielleicht doch noch als richtige Rock Band?

Ich bin mir nicht sicher. Es hängt ja immer davon ab, wie man sich fühlt und was im jeweiligen Moment das Beste ist. Die Akustik-Sachen fühlen sich gut an. Außerdem muss ich endlich mein Solo-Album mit Hannah Rickard fertigstellen – eine Sache, auf die ich mich wahnsinnig freue. Was dann ist – nun, man wird sehen.

 

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LIVE-ERLEBNIS

Am 18. Dezember kommen­ Status Quo in unsere Region: Ab 20 Uhr spielt die Band dann in der Mitsu­bishi Electric Halle in Düsseldorf.

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