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Die Diskussionen über das Buch von Thilo Sarrazin, über seine Äußerungen, Vergleiche und Schlussfolgerungen nehmen immer skurrilere Züge an. Natürlich passt es den Gutmenschen, vor allem denjenigen, die in politischer Verantwortung stehen und eben dieser Verantwortung in den letzten Jahrzehnten nicht gerecht geworden sind, nicht, dass Sarrazin seinen Finger in die Wunde einer verfehlten Ausländer- und Integrationspolitik legt. Und so suchen sie händeringend nach Möglichkeiten, den Kritiker zu diskreditieren. Über Fakten, die Sarrazin – auch – in seinem Buch zusammen getragen hat und die eigentlich das Grundgerüst für seine – häufig – nachvollziehbaren Schlussfolgerungen sind, diskutieren seine Gegner nicht. Stattdessen versuchen sie über das verallgemeinernde »SIE« und – zugegebenermaßen – manche unglückliche Formulierung Sarrazin in Gänze zu beschädigen.
Bundespräsident Wulff, Bundeskanzlerin Merkel, SPD-Chef Gabriel und Grünen - Chefin Künast ignorieren damit jedoch ein weiteres Mal Sorgen und Ängste, die sich in einem Großteil der Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg entwickelt haben. Es ist die Angst vor Entfremdung, vor Kapitulation und Aufgabe Jahrhunderte alter Wertvorstellungen. Ist es wirklich so überraschend für Berlin, dass Sarrazin bei allen Umfragen zu seinen Thesen, zu seiner Person, zu seiner Tätigkeit bei der Deutschen Bundesbank und zu seinem Status als SPD-Mitglied hohe Zustimmung aus der Bevölkerung erhält? Sollte das nicht ein guter Grund für die Volksvertreter sein, sich mit dem, auf das Sarrazin aufmerksam machen wollte, auseinanderzusetzen, statt von vorne herein alle Energie darauf zu setzen, ihn mundtot zu machen und in eine rechte Ecke zu stellen? Ihm vorzuwerfen, er würde mit seinem Buch Rechtspopulismus unterstützen, ihm gar den Vorschlag zu machen, aus der SPD auszutreten und eine eigene Partei zu gründen, werden der Sache, um die es geht, nicht gerecht. In puncto Integrationspolitik haben Politiker aller Parteien kläglich versagt. Darin sind sich die Medien, ein Großteil der Bevölkerung und sogar eine Reihe von Politikern einig. Das Buch von Sarrazin hätte alle aufrütteln können, es ab sofort besser zu machen. Doch die Reaktionen der politischen Spitzenkräfte lassen keine Änderung und schon gar nichts Gutes erahnen. Und am Ende ist nicht nur Sarrazin sondern sind alle beschädigt.
Walter Thomas
mitspitzerfeder@WOCHENPOST.de
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